Verdis „Macbeth“ in der Grazer Oper als Super-GAU

Giuseppe Verdi Oper Graz Macbeth
Lady Macbeth (Dshamilja Kaiser) beim Schlussapplaus © Thomas Rauchenwald

Als neuer Intendant mit Beginn der laufenden Spielzeit freut sich Ulrich Lenz, ein deutscher Musikwissenschaftler und Dramaturg, auf einen abwechslungsreichen Spielplan – changierend zwischen Tradition und Moderne, angereichert durch Erstaufführungen – am Opernhaus Graz, dem wohl schönsten Theaterbau des Architektur-Büros Fellner und Helmer. 

Mit Vassilis Christopoulos, einem gebürtigen Münchner mit griechischen Wurzeln, steht der Oper Graz auch ein neuer Chefdirigent zur Verfügung, der nach den eher belanglosen Jahren seines Vorgängers hoffentlich wieder für deutliche, interpretatorisch starke Akzente am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters sorgen wird.

Und die beiden sind es auch, welche die zweite Opernpremiere der laufenden Saison am 25. November 2023 prägen – Erstgenannter durch eine humorige Ansage vor Beginn des zweiten Teils, Zweitgenannter durch ein straffes, federndes, in organischen Tempi gehaltenes Dirigat von Giuseppe Verdis Melodramma in vier Akten, „Macbeth“, mit dem Libretto von Francesco Maria Piave (Ergänzungen von Andrea Maffei) nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare. Auffällig ist dabei auch ein ungewohnter Klang der Blechbläser, weil die Grazer Philharmoniker die Musik mit nachgebauten Ventilposaunen statt der üblichen Zugposaunen spielen.

Die Oper Graz erlebt bei dieser Premiere nämlich einen veritablen Super-GAU: Nach starkem Beginn verliert der Sänger der Hauptpartie, der polnische Bariton Mikolaj Zalasinski, mehr und mehr an Stimme, um in der Bankettszene vor der Pause nur mehr stimmlos krächzen zu können. Wie furchtbar muss diese Situation für diesen an sich virilen, mit samtig körniger Textur ausgestatteten Kavaliersbariton an diesem Abend gewesen sein. Nach einer überlangen Pause tritt Lenz zwecks Ansage vor den Vorhang mit der Frage, ob sich denn im Publikum ein Sänger für Macbeth fände, bevor er verkündet, dass Zalasinski die Rolle im zweiten Teil des Abends spielen und Ensemblebass Wilfried Zelinka, der bis dahin einen passablen Banco gegeben hat, die Rolle, die er zuvor weder studiert noch gesungen hatte, von der Seite aus vom Blatt singen wird. Man kann dem Sänger gar nicht dankbar genug dafür sein, durch sein nahezu heroenhaftes, spontanes Einspringen die Premiere gerettet zu haben, naturgemäß liegt die für einen hohen Bariton gesetzte Rolle einem Bass sehr wenig.

Umso erstaunlicher fällt unter diesen Umständen das Rollenporträt von Dshamilja Kaiser, früher Ensemblemitglied in Graz, seit 2017 fix an der Oper Bonn engagiert, als Lady Macbeth aus. Verfügend über eine satte Mezzosopranstimme meistert sie die anspruchsvolle Partie – auch die hohen Passagen – beeindruckend; vor allem die Wahnsinnsszene bleibt nachhaltig haften. Ständig auf Dramatik und loderndes Singen ausgerichtet, ringt sich die Sängerin die Gestaltung der lustvoll am Machtstreben zugrunde gehenden Psychopathin förmlich ab und vermag damit das Publikum zu fesseln, was ihr den Jubel am Schluss sichert. Ensembletenor Mario Lerchenberger scheint prädestiniert für Partien von Mozart und Britten, das Timbre eines Verdi-Tenors hat er nicht, vermag dennoch einen ansprechenden Macduff zu singen. In den kleinen Partien sind – unauffällig – Ekaterina Solunya (Kammerfrau der Lady Macbeth), Dimitri Fontolan (Arzt) und Euiyoung Peter Oh (Macduff) zu hören. Chor und Extrachor der Oper Graz sind von Johannes Köhler gut einstudiert, lediglich an der italienischen Aussprache hat die Formation, vor allem die Damen, welche die Hexen verkörpern, noch zu feilen.

Der neue Chefdirigent und die junge Regisseurin Kateryna Sokolova haben sich gemeinsam dazu entschieden, „Macbeth“ mit dem ursprünglichen Finale der Florentiner Fassung – der Arie „Mal per me che m’appressai“ – zu beenden und Verdis Pariser Fassung nicht bis ganz zum Schluss zu folgen. Umso bedauerlicher ist es, dass der Sänger der Hauptrolle damit nicht stimmlich einen deutlichen Schlusspunkt setzen kann. Die gelungene Inszenierung – Personenregie und Personenführung geraten stark – kommt ohne Blut aus, die Bühne (Nikolaus Webern) ist passend, das Licht (Sebastian Alphons) plastisch stimmig. Interessant, wie Sokolova die bei „Macbeth“ immer wieder aufkommende Problematik löst, wer oder was denn die Hexen sind bzw. sein sollen: Die Regisseurin deutet sie als Alter Egos von Macbeth. Seine eigenen Gedanken repräsentierend, schaut sich dieser in den Spiegel und sieht dort eine Reihe von Hexen, die denn auch über dieselben Kostüme wie er verfügen.

Schade um einen an sich durch und durch spannenden wie interessanten Premierenabend: Die Reise nach Graz wird ein zweites Mal anzutreten sein, wenn Herr Zalasinski hoffentlich bald wieder im Vollbesitz seiner Stimme sein wird.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

Kommentare

  1. Dr.Hafner

    In Graz muss man nicht gewesen sein…

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