Riccardo Muti mit dem Chicago Symphony Orchestra im Musikverein

Muti CSO
Riccardo Muti und das Chicago Symphony Orchestra © Thomas Rauchenwald

Die Symphonie Nr. 5, B-Dur, op. 100, von Sergej Prokofieff, entstanden 1944, uraufgeführt 1945 vom Staatlichen Sinfonieorchester der UdSSR unter der Leitung des Komponisten, ist wie die zweite Symphonie von Aram Chatschaturjan und die siebente Symphonie von Dmitri Schostakowitsch eine sowjetische „Kriegssymphonie“ und stellt eines der bekanntesten Werke Prokofieffs dar, obwohl sie in Bezug auf Fortschrittlichkeit und Komplexität von Sprache und Ausdruck hinter seiner zweiten, dritten und sechsten Symphonie zurückbleibt. „Ich habe versucht, die Hauptidee dieser Symphonie zu vermitteln – den Triumph des menschlichen Geistes“ – hat der Komponist selbst über das Werk geschrieben; „große Musik“ soll nach Prokofieff im Wesentlichen „leicht-seriös oder seriös-leicht“ sein, „vor allem melodisch, wobei die Melodie einfach und verständlich sein muss, ohne ins Hausbackene oder Triviale abzugleiten.

Wie und was auch immer – wenn das beeindruckende Werk wie am 23. Januar 2024 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins zum Schluss des zweitägigen Gastspiels des Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti, der die Komposition Zeit seines langen Dirigentenlebens gerne dirigiert hat, derart vollendet erklingt, gerät es zur reinsten Freude des Publikums. Das nordamerikanische Orchester, neben den Damen und Herren aus Cleveland gewiss der beste Klangkörper der USA, klingt in allen Instrumentengruppen perfekt austariert: Beinahe schmirgelnde Streicher, gestochen scharfes, gleißendes Blech, präzis hartes Schlagwert, helles keckes Holz, nahezu die Perfektion im Kollektiv, von den Solisten begeistern vor allem die Herren an der Klarinette und am Fagott. Muti und sein Orchester, dessen Musikdirektor er von 2010 bis 2023 war und von dem er am Ende seiner Amtszeit zum Musikdirektor Emeritus auf Lebenszeit ernannt wurde, treffen Charakter und Tonfall der Symphonie auf den Punkt, was beim episch angelegten, überwiegend von den Blechbläsern beherrschten, Kopfsatz beginnt. Den zweiten Satz, ein verspieltes wie motorisches, groteskes, an Schostakowitsch gemahnendes Scherzo, knallt Muti nur so in den Saal; die große Klage des langsamen, dritten Satzes gestaltet er weitläufig, deutlich die Anklänge an den Spätstil Tschaikowskys herausarbeitend. Diesem resignierenden Gesang folgt ein fast schon aufgesetztes, triumphal tänzerisch gestaltetes Finale – der betont freudige Ton ist aber abgründig doppelbödig, unter der Oberfläche dieses Marsches bohrt und rumort es, Mutis fulminante Interpretation mit den unerbittlich stampfenden Blechbläsern lässt daran nicht den geringsten Zweifel. Bestechend jedenfalls, mit welch‘ orchestraler Brillanz die Damen und Herren aus Chicago dieses Aushängeschild russischer Symphonik aufzuführen verstehen.

Nach solch‘ einer Darbietung vom Allerfeinsten kennt der Jubel des Publikums selbstverständlich keine Grenzen mehr und Ricardo Muti und das Orchester bedanken sich mit einer ganz besonderen Zugabe, der Ouvertüre zu Giuseppe Verdis 1845 in Mailand uraufgeführter Oper „Giovanna d’Arco“, wo unter der Leitung von Maestro Muti, der bei diesem Stück naturgemäß in seinem Element ist, das amerikanische Orchester sogar italienisch klingt – ein wahrhaft formidabler Abschluss eines großen Konzertes mit gewiss nicht alltäglichem Programm.

Der über den Maßen gelungene zweite Teil des Abends lässt den ersten Teil beinahe ein wenig in den Hintergrund geraten, dabei ist es Riccardo Muti und Chicago Symphony gar nicht hoch genug anzurechnen, erstmals im Musikverein überhaupt die 1940 uraufgeführte Symphonie Nr. 3, c-moll, von Florence Price auf das Programm gesetzt zu haben, die erste Symphonie einer afroamerikanischen Frau, die von einem größeren Orchester in den USA gespielt wurde. Beim Stück handelt es sich um ein durch und durch amerikanisches Werk, Antonin Dvoraks neunte Symphonie klingt durch, weshalb man bei der gleichsam traumverlorenen wie ausgelassenen Wiedergabe beinahe schon ein wenig bedauern mochte, eben nicht die Symphonie „Aus der neuen Welt“ von diesem herrlichen Orchester unter einem der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit präsentiert bekommen zu haben.

Im kommenden Mai jährt sich zum 200. Mal die Uraufführung von Ludwig van Beethovens neunter Symphonie. Wien darf sich heute schon freuen, wenn Maestro Muti, seit 1995 Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde, diesen Meilenstein klassischer Musik mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein zur Aufführung bringen wird.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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