Mitten in der Corona-Pandemie, 2021, kam die aktuelle Inszenierung von Richard Wagners PARSIFAL an der Wiener Staatsoper in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov zur Premiere, damals ohne Publikum, vor fast leerem Haus, mit ein paar ausgewählten JournalistInnen. Es herrschte Grabessstimmung in der Oper, verstärkt noch von der trostlosen Ästhetik der Szene. Der russische Regisseur deutet das Werk um, siedelt es im realen Gefängnisalltag – irgendwo in einem russischen Gulag? – an, kombiniert mit filmisch anmutenden Videos. Mit PARSIFAL von Richard Wagner hat dies wenig bis gar nichts zu tun. Allerdings: wenn Wagner wollte, dass dieses Werk schmerzt, wird dieser Umstand mit dieser Regiearbeit aufs härteste, schärfste erreicht. Und wirkt die Inszenierung von Jahr zu Jahr besser, wenn man als Betrachter möglichst weit vorne im Parkett sitzt, und die Videos mit den permanenten Verbrechervisagen auf der dreigeteilten Videowand oberhalb der Szene nicht ständig im Blick hat …
Kann man sich aber mit der Szene an diesem Gründonnerstag, den 2. April 2026, auch in der 16. Aufführung des Bühnenweihfestspiels in drei Aufzügen wenig anfreunden, obwohl die Inszenierung mit einigen wenigen, überzeugenden Details aufwartet, entschädigt die musikalische Seite, vor allem der Dirigent und das bis auf die Hörner einfach blendend disponierte Orchester der Wiener Staatsoper. Die Formation lässt ihren ganzen, kompakten Wohlklang verströmen und zeigt auch scharfe Kanten und Ecken, wenn Axel Kober am Pult dies einfordert. Der wählt eine zügig schlanke Gangart, analytisch, klar, wo erforderlich, den großen Wagner-Klang nicht aussparend. Seine Tempi sind überzeugend ausgewogen – 97 Minuten für den ersten, 62 für den zweiten, 72 für den dritten, der groß, aber nicht schwer ausflutet. Hervorzuheben sind wunderbare philharmonische Solisten an der Oboe und an der Pauke. Den SängerInnen auf der Bühne ist Kober, der über höchste Werkkenntnis wie exzellentes Werkverständnis verfügt, ein ständig unterstützender Partner. Hervorragend auch der plastisch differenziert singende Chor der Wiener Staatsoper, einstudiert von Thomas Lang.
Matheus Franca orgelt einen imposanten Titurel, Werner van Mechelen ist ein dämonisch plärrender Klingsor. Jennifer Holloway bei ihrem Rollendebüt als Kundry überzeugt mit herb kühlem Timbre und kalter Erotik, was hervorragend zu dieser Inszenierung passt. Franz-Josef Selig ist ein durch und durch altersweiser Gurnemanz, auch bereits im ersten Akt, wo seine Stimme leider schon etwas brüchig klingt. Gerald Finley als Amfortas überzeugt eher mit edlem, warmem Timbre als in sich gekehrter, leidender Schmerzensmann als mit dramatischen Ausbrüchen. Und last but not least gestaltet Klaus Florian Vogt seinen hellen, reinen Parsifal an diesem Abend etwas weniger leuchtend als gewohnt, sein weißes Timbre passt ebenso ausgezeichnet zu dieser schrillen Regiearbeit. Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind rollendeckend aus dem Hausensemble besetzt. Wieder als der damalige Parsifal auf der Bühne zu sehen ist der Schauspieler Nikolay Sidorenko.
Die Wiener Wagnerianer hatten im Haus am Ring am Gründonnerstag, zumindest was die Musik betrifft, ihre traditionelle Freude.