Das Meer in verschiedenen Facetten – Philippe Jordan im philharmonischen Abonnement

Wiener Philharmoniker
Nicole Car, Philippe Jordan und die Wiener Philharmoniker © Thomas Rauchenwald

Vielfältige Inspiration gewannen Komponisten aus den Gegensätzen der Wassermasse der Erde und so mannigfaltig waren auch die Formen des 4. Abonnementkonzertes der Wiener Philharmoniker am 14. Januar 2024, das ganz im Zeichen des Meeres stand. Dirigent Philippe Jordan hat mit dem Orchester eine spannende Programmdramaturgie entwickelt.

Das Konzert beginnt mit der Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ nach Johann Wolfgang von Goethes gleichnamigen Diptychon. Zum Auftakt gelingt eine fein austarierte, farben- wie stimmungsreiche Wiedergabe, elegant, charmant, ein wenig französisch, eher ans Mittelmeer, denn Nord- oder Ostseegefilde erinnernd.

Wohl die legendäre Einspielung seines Vaters Armin Jordan mit dem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo und der großen Stimme der unvergessenen Jessye Norman haben den Dirigenten zu den Orchesterliedern „Poéme de l’amour et de la mer“ für hohe Stimme und Orchester, nach einer Collage des Symbolisten Maurice Bouchor, eine Erstaufführung bei den Wiener Philharmonikern, inspiriert. Selbstredend wäre es ungerecht, die herrliche, überragende Stimme von Jessye Norman mit der Solistin des heutigen Vormittags, der Sopranistin Nicole Car, zu vergleichen. Die aus Melbourne stammende, australische Opernsängerin gefällt aber mit leidenschaftlichem Vortrag und sinnlicher Gestaltung, sehr schön ihre freien Höhen, lediglich an der Wortdeutlichkeit muss sie noch ein wenig feilen.

Alle Gestalten der Oper „Peter Grimes“ von Benjamin Britten sind in Charakter, Handeln und Schicksal unentrinnbar geprägt vom Meer und seiner Unberechenbarkeit und hat der Komponist das Geschehen in sechs orchestralen Vor- und Zwischenspielen zusammengefasst, von denen „Four Sea Interludes“ für konzertante Aufführungen zusammengestellt sind. Bei diesen Stücken zeigt das Orchester, was es wirklich kann, bei der ungemein plastischen Darstellung des Meeres zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zuständen, immer durchzogen von der Ahnung drohender Gefahr, am Schluss bleibt Grimes als letzter Ausweg nur noch der Gang ins offene Meer … Darf man sich für seine verbleibende Zeit an der Wiener Staatsoper noch eine von Philippe Jordan dirigierte Wiederaufnahme der gelungenen, zeitlosen Inszenierung von Christine Mielitz dieser Oper wünschen?

Zum Schluss dieses außergewöhnlich programmierten Abonnementkonzertes darf dann natürlich „La Mer. Trois Esquisses Symphoniques“ von Claude Debussy nicht fehlen und gerät das famose Werk zum Höhepunkt dieses philharmonischen Vormittags, wo das Orchester unter der ungemein inspirierten Leitung von Jordan all‘ seine Klangkultur und Raffinesse auszuspielen vermag: Herrlich wogende Streicherfiguren in „De l’aube á midi sur la mer“, funkelnde, glitzernde Akzente von Glockenspiel, Harfe und Schlagwerk in „Jeux des vagues“ und großartiges Orchesterfluten im „Dialogue du vent et de la mer“, wahrscheinlich inspiriert von Claude Monets Gemälde „Tempete, cotes de Belle-Ile“, mit seiner nahezu süchtig wie einfach nur glücklich machenden, hymnischen Vereinigung der Motive des Windes und des Meeres. Derart ist der Publikumsjubel im Musikverein garantiert.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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