Die Wiener Staatsoper zeigt wieder eine Serie von CARMEN, Opèra comique in vier Akten, mit der Musik von Georges Bizet und dem Text von Henri Meilhac und Ludovic Halèvy nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mèrimèe.
Brutalität, Nacktheit und Sexualität dominieren in der Inszenierung von Calixto Bieito, die seit 2021 auch im Haus am Ring gezeigt wird. Aber genau diese Themen in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft sind die Essenz des Stückes. Aufständische Fabriksarbeiterinnen, johlende Soldaten, ausgegrenzte Roma bleiben nicht ausgespart. Am stärksten ist die Inszenierung, wenn sich die ProtagonistInnen allein gegenüberstehen: Bieito überzeugt mit seiner drastischen Personenführung, seiner abgründigen Personenregie. Neben alten Limousinen der Schmuggler dominiert ein riesiger hölzerner Stier die Bühne. Die Beziehung zwischen dem Torero und dem Stier im Stierkampf entspricht der Beziehung zwischen Mann und Frau in großen Teilen der spanischen Gesellschaft. In seiner „Ehre“ – welche die Hierarchie von Mann und Frau in Spanien prägt – gekränkt, meuchelt Don Josè schließlich Carmen vor der Arena, worin auch der Stierkampf tobt: selten hat das jemand so zwingend umgesetzt wie Bieito mit seiner beinahe überdeutlichen Szenerie.
Nach einem derb knalligen Vorspiel überzeugt die Vorstellung am 28. Februar 2026 auch weitgehend musikalisch. Yves Abel mit dem Orchester der Wiener Staatsoper gestaltet den Abend am Pult mit Dramatik und Leidenschaft, gepaart mit französischer Eleganz, Transparenz und schmiegsamer Phrasierung.
Die Besetzung ist richtig, was die Stimmcharaktere vor allem in den beiden Hauptrollen betrifft, weil eher leichte Stimmen statt große Wagner-Stimmen aufgeboten sind. Victoria Karkacheva ist eine dunkel timbrierte, bewegliche Carmen. Die Habanera erklingt eher als eine Meditation über die freie Liebe, ihre Stimme ist nie ausufernd, verfügt aber am Schluss auch über das nötige Feuer wie die notwendige Phonation. Piotr Beczala singt den Don Josè mit slawischem Timbre und betörendem Tenorschmelz; in der Finalszene, wo es ums Ganze, sprich um Leben und Tod geht, mischt er seinem im Grunde immer noch lyrischen, bestens fokussierten Tenor auch eine gehörige Portion Metall bei. Alexey Markov präsentiert sich mit starkem Bariton als viriler Escamillo, Anna Bondarenko berührt mit schön geführter Sopranstimme als Micaela. Die kleinen Partien werden solide, rollendeckend gesungen: Ileana Tonca (Frasquita), Isabel Signoret (Mercedes), Evgeny Solodovnikov (Zuniga), Stefan Astakhov (Morales), Carlos Osuna (Remendado) und Clemens Unterreiner (Dancaire).
Das in der Mehrzahl touristische Publikum spendet starken Beifall.