Für Kenner gilt LUISA MILLER, melodramma tragico in drei Akten, mit dem Libretto von Salvadore Cammarano nach dem bürgerlichen Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller, als eine der eingängigsten, schönsten Opern aus der Feder von Giuseppe Verdi. Dass sie nicht so häufig auf den Spielplänen zu finden ist, mag am hin und wieder banalen Text liegen. Die Wiener Staatsoper wagt nach 35 Jahren, in denen das Werk nicht gespielt wurde, in der aktuellen Saison nun eine Neuproduktion des 1849 im Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführten Werkes.
Musikalisch kann sich das Ergebnis mehr als hören gelassen, überaus gelungen gerät diesbezüglich die Premiere am 7. Februar 2026. Am Pult des hervorragend aufspielenden Orchesters der Wiener Staatsoper setzt Michele Mariotti nämlich stark auf Dramatik, Verve, Schwung, Italianità, Brio, federnde Akkuratesse des Orchesterspiels und Geschmeidigkeit, was die Phrasierung betrifft – alles also, was ein Werk Verdis verlangt. Betörende Klangfarben steuert die Soloklarinette bei, ebenso begeistert das samtig gestrichene Solocello. Ist da endlich wieder ein Dirigent herangereift, der an die große Tradition italienischer Maestri wie beispielsweise Gavazzeni, Patané oder Santi, die man an den Pulten der Opernhäuser so sehr vermisst, anknüpfen und fortführen kann? Findet sich Schillers Sturm und Drang nicht unbedingt im Libretto Cammaranos wieder, gelingt es Verdi mit seiner herrlichen Musik, diese Strömung in Noten zu fassen: Mariotti setzt das kostbare Werk auf ganz hervorragende Weise um.
Beliebt ist LUISA MILLER vor allem bei den Tenören, stellt doch die Szene „Oh! Fede negar potessi“ und das anschließende Cantabile „Quando le sere al placido“, eine der schönsten Tenorarien Verdis, ein Glanzstück für jeden Tenor des italienischen Faches dar. Freddie de Tommaso als Rodolfo der aktuellen Premiere im Haus am Ring singt überwiegend mit hinreißender, echter Leidenschaft und viel Power: feine Belcanto-Stilistik ist seine Sache nicht, dennoch vermag er zu überzeugen, bis auf die wenig klangvollen, dünnen Höhen.
Ist also diese Oper Verdis oft ein Stück für Tenöre, gerät diese Premiere zum riesigen, verdienten Erfolg für die die Titelrolle verkörpernde, bezaubernde Sopranistin Nadine Sierra. Anfangs noch das heiter und mit ihrem cremig einschmeichelnden Sopran brillant trällernde Dorfmädchen, wandelt sie sich im Laufe des Abends werkimmanent zur echten, großen Tragödin, die alle Finessen der Partie, vor allem die berührenden Kantilenen, mit innig stupender Leuchtkraft versieht und mit ihrer Rollengestaltung zu bewegen weiß.
In dem für dieses Stück so wichtigen tiefen Männerstimmen sind ebenso sehr gute Sänger aufgeboten: George Petean als Miller mit hervorragend geführtem Kavaliersbariton und beeindruckenden hohen Tönen, Roberto Tagliavini als profund souveräner Graf von Walter und Marko Mimica als starker Wurm.
Das Ensemble ergänzen Daria Sushkova (Federica), Teresa Sales Rebordao (Laura) und Adrian Autard (Bauer); der Chor der Wiener Staatsoper, einstudiert von Martin Schebesta, gefällt mit differenziertem Chorgesang.
Die szenische Umsetzung von Verdis Meisterwerk ist leider misslungen. Über Ästhetik und Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, was Regisseur Philipp Grigorian, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, und Sergio Morabito mit seiner eigentümlichen Dramaturgie mit dieser Inszenierung vermitteln wollen, erschließt sich nicht. In szenischer, zuckerlfarbener Öde durch und durch ist keine psychologisch fundierte aus der Musik entwickelte Personenführung zu erkennen, Rampensingen dominiert, das Ergebnis erscheint als szenische Verballhornung des Trauerspiels, provoziert fortwährend Gelächter beim Publikum, weil unfreiwillig komisch. Die Kostüme von Vlada Pomirkovanaya geraten bisweilen geschmacklos: Rodolfo tritt als DHL-Zusteller, dann als ritterlicher Lohengrin-Verschnitt auf, Miller als abgehalfterter Penner, Graf von Walter im Saunamantel: unerträglich.
Zum Schluss gibt es vom Premierenpublikum verdienten Jubel für die musikalische Seite dieser Premiere, das Regieteam wird mit einem Buh-Orkan abgestraft. Eine konzertante Aufführung hätte dem Stück wohl besser entsprochen.