Bernsteins „Candide“ – Wien liegt am Broadway

Candide
Das Ensemble mit dem Leading Team beim Schlussapplaus © Thomas Rauchenwald

Seinem Ruf als innovativstes Opernhaus der Stadt wird das MusikTheater an der Wien unter der Intendanz von Stefan Herheim auch an der Ausweichspielstätte im Museumsquartier voll und ganz gerecht. Als erste Premiere im neuen Jahr kommt am 17. Januar 2024 die szenische Aufführung der Concertversion von „Candide. A Comic Operetta“ in zwei Akten mit der Musik von Leonard Bernstein zur Premiere.

Das Buch dazu stammt von Hugh Weeler nach der satirischen Novelle „Candide oder der Optimismus“ von Francois-Marie Arouet (Voltaire), der Gesangstext von Richard Wilbur, mit zusätzlichen Texten von Stephen Sondheim, John Latouche, Dorothy Parker, Lilian Hellman und vom Komponisten, die Instrumentation von Bernstein und Hershy Kay; musikalische Übergänge und zusätzliche Instrumentation von John Mauceri, Erzähltext vom Komponisten und John Wells nach der Satire von Voltaire und dem Buch von Hugh Wheeler, bearbeitet und ergänzt von Erik Haagensen.

So aufwändig wie Einrichtung und Arrangement dieses ständig zwischen Oper, Operette, Musical und Revue hin und her schwingenden Stückes gerät auch die szenische Umsetzung in der Inszenierung von Lydia Steier, die bei ihrer Arbeit von Momme Hinrichs (Bühne und Video), Ursula Kudrna (Kostüme), Elana Siberski (Licht) und Tabatha McFayden (Choreografie) unterstützt wird. Ausgehend von Voltaires Credo – Wie leben in der besten aller möglichen Welten – durchlebt die Titelfigur Candide sämtliche Grausamkeiten, Schlechtigkeiten, Katastrophen wie Abgründe des Lebens (das heißt Ausbeutung aller Art, Betrug, Drogen, Erdbeben, Hinrichtungen, Krieg, Mord, Seuchen), um am Ende zur Erkenntnis zu gelangen, dass das Leben weder böse noch gut ist, sondern einfach eine ungemeine Grauzone, worin alles so ist wie es ist, die Illusion seiner Lebensliebe zu Cunegonde eingeschlossen. Die Inszenierung, abwechslungsreich, bewegungsreich, bunt, schräg, schrill, taugt ohne Weiteres dazu, um auch am Broadway, dem Mekka des Musicals, Begeisterungsstürme auszulösen; Einwände betreffen lediglich den Umstand, dass ein gewisser Sarkasmus Voltaires nicht wirklich zum Tragen kommt und die Abgründe, bei denen dem Publikum das Lachen im Halse stecken bleiben soll, nicht wirklich deutlich genug herausgearbeitet erscheinen. Eine gewisse Peinlichkeit haftet auch den gezeigten, bisweilen nur infantil wie platt wirkenden Sexszenen an; durch während der Aufführung allzu aufgesetztes, allzu lautes Lachen eines Teils des Publikums disqualifizieren sich diese BesucherInnen selbst.

Als Komponist war der begnadete Dirigent Leonard Bernstein in Amerika durch und durch Europäer, während er in Europa immer der Amerikaner par excellence geblieben ist, in diesem Spannungsfeld changiert auch seine Musik vor allem was seine Bühnenwerke betrifft. Abgesehen davon, dass man in „Candide“ immer wieder seine „Westside Story“ durchhört, groteske Abschnitte an Dmitri Schostakowitsch gemahnen, enthält die perkussive Partitur viel an geschmäcklerischer Musik, lediglich gegen Schluss, in Candides letztem Song, dem darauffolgenden Chor und dem Abschließenden Ensemble-Finale klingt bewegende Rührung an. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter seiner Chefdirigentin Marin Alsop, einer Schülerin Bernsteins, setzt diese Musik mit akkurater Präzision einfach formidabel um, allein die musikalische Seite lohnt den Besuch einer Aufführung der aktuellen Premierenserie. Bestechend auch, wie der von Viktor Mitrevski und Juan Sebastian Acosta einstudierte Arnold Schönberg Chor mit diesem Genre umgeht und mit schlafwandlerischer Sicherheit Chorgesang vom Allerfeinsten präsentiert.

Was die SängerInnen betrifft, verfügt nur Nikola Hillebrand als Cunegonde mit sehr gut geführtem Sopran über hohen Ansprüchen genügendes, stimmliches Niveau. Das übrige Ensemble besticht mehr durch schauspielerisch darstellerische, denn durch gesangliche Leistungen, dennoch gefällt der Bariton Ben McAteer als Dr. Pangloss, vor allem auch Matthew Newlin mit kleinem, geschmeidigem Tenor als Candide. Eine köstliche Charakterstudie der Old Lady präsentiert Helene Schneiderman, unbedingt zu erwähnen ist der behänd wortdeutliche Erzähler von Vincent Glander. Wien kann auch weiterhin als Musicalstadt ausgezeichnet reüssieren.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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