André Schuen singt Schubert und Mahler fein und subtil im Wiener Musikverein

Schuen Heide Musikverein
Daniel Heide und André Schuen nach ihrem Liederabend im Musikverein © Thomas Rauchenwald

Der in Südtirol geborene André Schuen ist mittlerweile als Opern-, Konzert- und Liedsänger ein gern gehörter, gern gesehener Gast an den ersten Häusern wie bei Festspielen weltweit. Nach Franz Schuberts „Die schöne Müllerin“ hate er soeben dessen „Schwanengesang“ auf Compact-Disc veröffentlich, demnächst soll der Olymp des Liedgesanges, „Die Winterreise“, folgen; Schuen befindet sich am besten Weg zum ausgezeichneten Sänger wie Interpreten, nicht nur im Genre Lied.

Bei seinem Liederabend im Brahmssaal des Wiener Musikvereins am dritten Adventwochenende setzt er Lieder von Franz Schubert und Gustav Mahler auf sein delikates Programm. Handelt es sich bei den Werken von Schubert um reine Klavierlieder, genügte Mahler der vielfach kompliziert ausgearbeitete Klavierpart nicht mehr, weshalb er Orchesterlieder schrieb, bei welchen bei der Führung der Gesangsstimme weniger an die Wiedergabe durch Lied- als durch Opernsänger gedacht wurde. Und Schuen im Rahmen seiner steten Entwicklung schafft diesen Spagat, Liedgesang wie Operngesang miteinander zu verbinden, an diesem Abend auf überzeugende, bisweilen beeindruckende Weise.

Zu Beginn interpretieren Schuen und der aus Weimar stammenden Daniel Heide – der Pianist ist der regelmäßige Begleiter des Sängers, was zu hören ist, infolge perfekter Harmonie und gemeinsamen, gestalterischen Atmens – die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler, für die der Komponist selbst die Texte schrieb. Bereits hier schwingt sich die Stimme Schuens mehr und mehr ein, das Empfindungsleben des Schaffenden, womit sich Mahler bereits den Weg in die „Wunderhorn“-Sphären bahnt, sensibel nachspürend.

Der zweite Block umfasst sechs, stimmungsmäßig einheitliche Lieder von Franz Schubert – „An den Mond“ D 259, „Im Frühling“ D 882, „Der Schiffer“ D 536, „Abendstern“ D 806, „Des Fischers Liebesglück“ D 933, „Der Musensohn“ D 764 – erstes und letztes von Johann Wolfgang von Goethe, das zweite von Ernst Schulze, das dritte und vierte von Johann Mayrhofer, das fünfte von Karl Gottfried von Leitner, welches mit der an den „Leiermann“ aus der „Winterreise“ erinnernde Klavierbegleitung zum Höhepunkt der ersten Teils gerät, weil die vor allem in der Mittellage besonders angenehm timbrierte Stimme Schuens traumwandlerisch durch Schuberts Kosmos gleitet.

Die Dramaturgie des Liederabends ist formidabel gewählt, erklingen dann im zweiten Teil des Abends ausschließlich von Friedrich Rückert vertonte Texte – zunächst von Franz Schubert „Sei mir gegrüßt“ D 741, „Du bist die Ruh“ D 776 und „Dass sie hier gewesen“ D 775: D 776 bewegt nachhaltig mit fein strömenden Legatogesang über der feinen Klavierbegleitung. Zum Schluss erklingen dann noch die „Rückert“ – Lieder von Gustav Mahler und hier offenbart sich die ganze, bereits große Kunst von André Schuen. Die Stimme wird in allen Lagen ungemein sicher geführt, glücklicherweise nie forciert, verfügt über einen sicheren, bestimmten, festsitzenden Kern, die starken Ausbrüche gelingen mit immenser, nie überzogener Phonation. Hervorragend auch seine wunderbare Artikulation und ausgeprägte Textverständlichkeit wie Wortdeutlichkeit. Der Sänger weiß, was er seinem Stimmorgan zumuten kann, weiß offenbar selbst am besten, was er singen kann und soll – obwohl, man würde sich jetzt, mit diesem bereits männlich, virilen, sinnlichen Stimmklang Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ auf der Bühne von ihm wünschen, betreut von einem ausgewiesenen, speziellen Dirigenten, ich denke da an Adam Fischer, Sir Simon Rattle oder auch den jungen Alexander Soddy.

Das – bedauerlicherweise überwiegend alte Publikum, wann werden von kulturschaffenden Verantwortlichen endlich Akzente gesetzt, dass mehr junge Leute den Weg in Liederabende bzw. zur Kammermusik finden? – dankt dem Duo mit langem, lautstarkem Applaus, weshalb noch drei Zugaben folgen: „Urlicht“ aus dem Liederzyklus „Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler, ein vor allem von der Singstimme stimmig subtil wiedergegebenes „Morgen!“ op. 27 Nr. 4 von Richard Strauss und ein (Volks)Lied auf Ladinisch aus der Heimat des sympathischen Sängers.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

Kommentare

  1. Karin Schmidt-Mitscher

    Es war wunderbar! Und es stimmt – wir haben uns richtig jung gefühlt … lg Karin + Mathias

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