„Diese Arbeit wird meine allerzarteste sein …“ – schreibt Leos Janacek an die Muse seiner späten Jahre und kann die Wahl des Stoffes seiner Oper KAT’A KABANOVA als Ausdruck der innigen Zuneigung des Komponisten zu Kamila Stösslova verstanden werden. Mit dieser Oper, basierend auf dem Drama „Der Sturm“ des russischen Dramatikers Alexander Nikolajewitsch Ostrowski, schuf Janacek die wohl lyrischste seiner Opern, eines seiner persönlichsten Werke, worin Präzision und Stärke seiner musikalischen Sprache mit der theatralischen Kraft des Librettos verschmelzen. Die Figur der Kat’a ist von Kamila inspiriert: „Es war Dein Bild, das ich in Kat’a Kabanova sah, als ich die Oper komponierte.“, so Janacek weiter an Kamila.
Zart, sanft, fließend, in schimmernden, mild leuchtenden Orchesterfarben spielt das, was den Klang betrifft, höchst idiomatische Orchester des Nationaltheaters Brünn unter der ausgenommen kundigen Leitung von Ondrej Olos Janaceks herrliche Musik. Dieser Dirigent musiziert manche wunderbar melancholischen Passagen in schönem Pianissimo, beherrscht zudem ein kultiviertes, sängerfreundliches Forte. Wo notwendig, und damit bringt er Janaceks Modernität zum Ausdruck, glättet er auch die Partitur nicht, rundet ihre Ecken und Kanten nicht ab, und trifft damit des Komponisten harte und schroffe Wendungen auf den Punkt.
Gesungen wird am Nachmittag des 31. Oktober 2026 in Brünn ganz hervorragend. Die kleinen Partien sind sehr gut aus dem Ensemble des Nationaltheaters Brünn besetzt. Ungewohnt stark, weil diese bei Janacek oft schwächeln, die Tenöre – Peter Berger als leidenschaftlicher Boris Grigorjevic, Ales Briscein als von der Mutter unterdrückter Tichon Ivanyc Kabanov und Vit Nosek als schwärmerischer Vana Kudrjas. Jan St’ava ist ein bassstarker, lüsterner Savej Prokofjevic Dikoj. Vaclava Krejci Houskova gefällt als Varvara mit schönem Mezzosopran. Als abgrundtief böse, darstellerisch wie stimmlich höchst attraktive Kabanicha überzeugt vollends Jana Hrochova. Und in der Titelpartie aufgeboten ist Katerina Knezikova, die mit der Rolle in jeder Hinsicht zu verschmelzen scheint. Nominiert für den Thalia-Preis in der Kategorie „Beste weibliche Opernleistung“ eben für diese Titelrolle am Nationaltheater Brünn, lässt sie ihren wunderschönen, runden, vollen, golden leuchtenden Sopran ertönen. Janacek hat sich in dieser Oper vor allem auf das Drama der Hauptfigur konzentriert, was es der Interpretin an sich sehr schwer macht. Frau Knezikovas durchdringende Interpretation dieser zarten Frauengestalt rührt in jeder Nuance tief zu Herzen gehend und wird die durch und durch sympathische Sängerin vom Publikum dafür zu Recht mit stehenden Ovationen gefeiert.
„Wir wollten einen symbolischen Bezug zum Wasser und seiner Verbindung zu Träumen herstellen, denn von Anfang an ist Wasser ein Thema, Kat’a fühlt sich zum Wasser hingezogen. Sie spürt, dass etwas Schreckliches passieren wird und dass sie es selbst verschuldet hat.“ – so Regisseur Robert Carsen über das Wasser als das zentrale Element in seiner Inszenierung, die mit ihrem hohen ästhetischen Wert auch die ZuschauerInnen förmlich flutet. Im Rahmen der zehnten Auflage des Janacek Festivals Brünn kehrt diese Produktion, die ursprünglich für die Flämische Oper kreiert wurde, nun zurück auf die Bühne des Janacek Theaters, um wiederum mit ihrer Szenografie, bei der eine riesige Wasseroberfläche die ganze Bühne bedeckt und so Kat’as Emotionen und ihre innere Isolation wie ihr tragisches Schicksal, den Suizid durch Ertrinken, widerspiegelt, zu beeindrucken. Die DarstellerInnen bewegen sich in dieser Regiearbeit auf diskreten Stegen durch diesen (Seelen)Raum. Unterstützt wurde Carsen bei seiner Arbeit, die in ihrer Optik ein wenig an Robert Wilson gemahnt, von Patrick Kinmonth (Bühne und Kostüm), Peter van Praet mit plastisch magischem Lichtdesign und Philippe Giraudeau mit zwingender Choreografie.
Bestimmendes Element von Ostrowskis Drama wie von Janaceks Oper ist die Wolga. An deren Ufer durchlebt Kat’a ihre Liebesnächte mit Boris, in ihren Fluten ertränkt sie sich. Carsens Szene beschwört die Endlosigkeit der russischen Landschaft wie die endlos tiefen Gefühle der Protagonistin herauf, sie changiert zwischen realistischer und abstrakter Darstellung und besitzt immense Raumwirkung. Immer wieder kommen in den kurzen orchestralen Zwischenspielen Frauen in weißen Kleidern und mit langen Haaren auf die Bühne, waten durch das Wasser oder werfen sich hinein – Ebenbilder Katjas? Sie verschieben die Holzstege, arrangieren sie neu – von der inselartigen Wohnung der Kabanovs, zur großen Diagonale, worauf die Liebesszenen mitten im Fluss spielen, zur Kreuzform in der Gewitterszene, zu weit voneinander getrennten Parallelen beim Abschied von Kat‘a und Boris. Dass diese aus Musik und Text vorbildlich entwickelte Inszenierung mit ihren grandiosen Wasser-, Licht- und Schattenspielen nicht nur im Dekorativen verhaftet bleibt, ist einer subtilen Personenführung wie feinen Personenregie zu verdanken, welche die Charaktere deutlich herausstreicht, nicht zuletzt auch der präzis beweglichen Darstellung der Protagonistin.
Janacek at his best am Narodni divadlo Brno!