Wagner-Glück in München

Nach DIE WALKÜRE werden die Ausführenden an der Bayerischen Staatsoper vom Publikum drinnen und draußen bejubelt © Thomas Rauchenwald

Richard Wagners Werke dienen immer wieder als Inspirationsquelle, vor allem seine Modernität im Aufgreifen gesellschaftlich virulenter Probleme, die den begnadeten Künstler bis heute zum Visionär macht. „Kinder, macht Neues! Neues! und abermals Neues! – hängt Ihr Euch ans Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler!“, schreibt er am 8. September 1852 an Franz Liszt: kein Satz wie dieser wurde und wird in den letzten Jahrzehnten so missbraucht, um immer wahnwitzigere Wege der Opernregie zu legitimieren.

Regisseur Tobias Kratzer – unterstützt von Rainer Sellmaier (Ausstattung), Michael Bauer (Licht) sowie Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi (Video) – nehmen dieses Postulat so ernst wie nur möglich, wenn sie an der Bayerischen Staatsoper einen neuen RING schmieden. Nach dem überaus gelungenen Vorabend zur Tetralogie in der vergangenen Saison 2024/25 kam nun bei den Münchner Opernfestspielen 2026 der erste Tag, DIE WALKÜRE, zur Premiere. Und, man darf es gleich vorwegnehmen: wird so weitergemacht, wird aus dieser Produktion ein richtiger Wurf.

Gewiss, ein Theatermagier im Hinblick auf feine Ästhetik wie Patrice Chereau oder Robert Wilson ist Kratzer nicht. Dafür sprüht, strotzt er aber nur so vor geistiger Kreativität und berührt, bewegt tief ins Herz mit seinem zeitweisen ironisch humorigen Ansatz. Auch nimmt er sich Freiheiten bei seiner Regiearbeit, ist hin und wieder nicht ganz genau am Text. Siegmund beispielsweise findet das Schwert seines Vaters Wotan eher zufällig im Haus Hundings, es gleißt dort nicht hell im Glimmerschein. Die Behausung im Wald, wo Wotan mit einer Menschenfrau und dem Zwillingspaar lebt, wird von seiner eifersüchtigen Gattin Fricka gemeinsam mit Loge niedergebrannt. Und auch wenn das alles nicht so bei Wagner steht, hätte der mit dieser über den Maßen gelungenen Inszenierung seine helle Freude gehabt, weil Kratzers Konzept immer und überall, an allen Ecken und Enden vollends aufgeht. Der große Coup gelingt dann zu Beginn des dritten Aktes: die acht Walküren reiten auf Pferden vom Hofgarten über die Maximilianstraße, sammeln Todesopfer bei einem Verkehrsunfall ein und bringen diese Helden in Wotans Saal, bei Kratzer das Nationaltheater, in den majestätischen Königssaal im ersten Stock ebendort. Eine der Walküren im Kampfkostüm rauscht im Helikopter heran, landet mit dem Fallschirm. Zum Schluss bettet Wotan seine Wunschmaid zum Schlaf auf eine Matratze in diesem Raum: was für Ideen hat dieser Regisseur doch, das Publikum quittiert die Szenerie bereits zur Musik. Loge, in Person auf der Bühne, zündet dann neben der Schlafenden nur eine Kerze an, weißes Feuer flutet auf Video die Bayerische Staatsoper.

Und bei aller – angebrachten – Aktion besticht der Regisseur mit einer an Subtilität kaum zu überbietenden Personenführung, einer ungemein psychologisch fundierten Personenregie, die Beziehungen der Handelnden schon nahezu überdeutlich, drastisch herausarbeitend. Stark, beinahe abgründig, zeichnet er die einzelnen Charaktere, und macht damit seinem Lehrer August Everding, bei dem er an der Bayerischen Theaterakademie Schauspiel- und Musiktheaterregie studiert hat, wahrlich alle Ehre. Sein innovativer Umgang mit Wagners vielschichtigem Nibelungenstoff ist werkgetreu, die Einheit von gelungener musikalischer Ausführung und szenischem Konzept seiner fulminanten Regiearbeit gerät vorbildlich, weshalb man jetzt schon auf den zweiten und dritten Tag der gewaltigen Tetralogie in der nächsten Spielzeit 2026/27 in München gespannt sein darf. Eine so ins Mark treffende Interpretation, gepaart mit großem Kino – so soll, muss Wagner-Musiktheater heute sein.

Musikalisch geht es am 4. Juli 2026 ebenso ganz hoch her an der Bayerischen Staatoper. Nach einem stürmischen Beginn mit wahrlich im Orchester tobenden Winterstürmen, ist die feine kammermusikalisch komponierte, zart verhaltene Annäherung des Wälsungenpaars nicht so ganz die Sache von Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski. Mit dem an diesem Abend sehr gut aufgestellten Bayerischen Staatsorchester setzt er aber ganz auf die Sogwirkung von Wagners überwältigender Musik, die er mehr und mehr dramatisch auflädt, zuspitzt, und findet mit der immer präziser und runder im Klang werdenden Formation zu großen, flüssigen Bögen. Nach einer selten bewegend musizierten Todesverkündigung im zweiten Aufzug lässt Jurovski dann im dritten Aufzug auch ganz großen, mächtigen, flutenden Wagner-Klang hören.

Hervorragend auch die Besetzung. Die acht Walküren sind nicht wie so oft hysterisch keifend, sondern ausgewogen im Gesang. Ekaterina Gubanova ist eine schönstimmige, dennoch betont nachdrückliche Fricka, Ain Anger ein rollenimmanent hohl dröhnender Hunding. Joachim Bäckström singt einen heldentenoral grundierten, gut fokussierten, kernigen Siegmund, für die „Wälse“-Rufe und das „Wälsungenblut“ im ersten Aufzug fehlt ihm – noch – die gewaltige Phonation. Miina-Liisa Värelä ist eine helle, mädchenhafte Brünnhilde, die mit starkem Sopran zu warmem, fraulichem Ton in der letzten Szene findet. Nach kleinen Unsicherheiten zu Beginn gelingen Irene Roberts herrliche, leidenschaftlich gesungene Bögen als Sieglinde, die Besetzung mit einem Mezzosopran erweist sich als Glücksfall. Mehr und mehr in die Rolle des Wotans hinein wächst der junge Bassbariton Nicholas Brownlee, der bereits über die Erhabenheit und Würde für diese große Rolle verfügt. Bemerkenswert seine Wortdeutlichkeit bei der Rollengestaltung, Kraft und Stärke in der Stimme sind im reichen Ausmaß vorhanden, und gelingt es ihm hervorragend, auch die Ambivalenz zwischen zürnendem Gott und liebenden, gebrochenen Vater darstellerisch und vor allem stimmlich überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Den Abschied von seiner Lieblingstochter singt er mit wunderbar strömender Stimme: Chapeau!

Standing Ovations zu Recht am Schluss. Das Ensemble wurde nicht nur auf der Bühne im Nationaltheater gefeiert, sondern verbeugte sich auch auf den Stufen des Nationaltheaters für das Publikum auf dem Max-Joseph-Platz vor dem Nationaltheater, luden die Bayerische Staatsoper und BMW zur bereits 30. Ausgabe von Oper für alle ein. Insgesamt sahen rund 35.000 Menschen – drinnen, draußen und im Livestream auf Staatsoper.tv – diese herausragende, berührende Aufführung von DIE WALKÜRE.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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