Sir András Schiff zum 70. Geburtstag

András Schiff
Sir András Schiff © Salzburger Festspiele

Der am 21. Dezember 1953 in eine jüdisch-bürgerliche, Budapester Familie hineingeborene Sir András Schiff begann sein Klavierstudium mit vierzehn Jahren an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest, wo auch György Kurtag zu seinen Lehrern zählte. Neben seiner ungarischen Muttersprache spricht der mit der Violinistin Yuuko Shiokawa verheiratete Pianist Englisch und Deutsch auf muttersprachlichem Niveau, hat Wohnsitze in Basel, Florenz und London, erhielt 1987 die österreichische und 2001 die britische Staatsbürgerschaft und wurde 2014 geadelt sowie in den englischen Ritterstand – „Knight Bachelor“ mit dem Prädikat „Sir“ – erhoben.

Schiff tritt sowohl als Solist als auch zusammen mit den bekanntesten Orchestern international auf, zudem interpretiert er mit anderen Solist*innen und Ensembles gerne Kammermusik und gestaltet Liederabende mit namhaften Interpreten, zu denen in der Vergangenheit neben Dietrich Fischer-Dieskau und Peter Schreier auch Robert Holl zählte.

Er gilt als akribisch wie gleichsam leidenschaftlicher Pianist, tiefgreifend, intellektuell inspiriert, und gilt heute als einer der besten Interpreten der Musik von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Robert Schumann, und seines Landsmannes Bela Bartók, seine Interpretationen von Werken von Johannes Brahms oder Leos Janácek dürfen ebenso wenig unerwähnt bleiben. Bei seinen Interpretationen verwendet Schiff neben modernen Flügeln (Steinway) auch immer wieder (restaurierte) historische Instrumente von bspw. Bösendorfer, Blüthner oder einen um 1820 gebauten Hammerflügel von Brodmann.

Der Pianist äußert sich auch immer wieder politisch und macht sich damit bestimmt nicht nur Freunde. So hatte er 2000 seine Teilnahme bei der Schubertiade in Feldkirch als Protest gegen die Beteiligung der Rechtspartei FPÖ an der österreichischen Bundesregierung abgesagt. 2011 verfasste er eine Resolution gegen das ungarische Mediengesetz und die Einmischung der Politik in die Kultur unter der von Viktor Orbán geleiteten Regierung in Ungarn, seitdem ist er dort als Person unerwünscht und von antisemitischer Hetze bedroht, weshalb er nicht mehr in Ungarn konzertiert.

Zahlreiche Einspielungen von András Schiff liegen vor – herausgegriffen seien sämtliche Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert, die Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven, außerdem die meisten großen Solo-Klavierwerke von Johann Sebastian Bach.

Als persönliche Empfehlung darf ich drei Aufnahmen von Schiff besonders ans Herz legen:

Die Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart mit der Camerata Academica des Mozarteums Salzburgs unter Sandor Végh, gespielt auf einem Bösendorfer-Flügel, leicht, verspielt, mit wunderbarem, dem mozartischen Idiom voll entsprechenden Non-Legato-Spiel, die Töne perlen wie auf einer Schnur. Mit dem Dirigenten arbeitet der Pianist viele interessante Details und Nebenstimmen aus den Partituren heraus.

Die Klavierkonzerte von Johannes Brahms, gespielt auf dem historischen Flügel „Der Blüthner Nr. 762“, um das Jahr 1859 von der Leipziger Firma Julius Blüthner gebaut, wo der Pianist das Orchestra oft he Age of Enlightenment vom Klavier aus leitet. Diese Aufnahme stellt den Versuch einer Neudeutung der Werke dar, quasi eine Restauration, eine Entschlackung der Musik und, damit einhergehend, eine Befreiung vom Ballast der Vergangenheit und von fragwürdiger Tradition, galten die beiden „Symphonien mit obligatem Klavier“ doch immer als schwere „Schlachtrösser“ der Klavierkonzertliteratur. Entstanden ist eine höchst spannende, sehr interessante, extrem intelligente, homogene und kammermusikalisch ausgerichtete Interpretation, wo gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen Solisten und Orchester gleichsam im Vordergrund stehen wie unabdingbares Aufeinanderhören.

Und schließlich Klavierwerke von Leos Janácek, wobei Schiff dazu durch seine Affinitäten zu Bartóks Klaviermusik angezogen wurde. Das Ergebnis ist gekennzeichnet von Emotion, Staunen und unbedingter Liebe zur Musik, eine lebendige, wundervolle, ästhetisch überaus subtile Interpretation der Sonate 1905, „Im Nebel“ und „Auf verwachsenem Pfad“ – sehr persönliche Klavierwerke Janáceks, voll von gedämpfter, wehmutsvoller Bitternis.

Am 21. Dezember hat Sir András Schiff seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert: Happy Birthday!

Damit aber nicht genug. Um den Jahreswechsel absolviert der Pianist eine besondere Tour de force, indem er an sieben Abenden im Pierre Boulez Saal in Berlin in sieben (!) Konzerten die Konfrontation ausschließlich mit dem Klavierwerk von Bach sucht: den Goldberg-Variationen, den Partiten, den Französischen wie Englischen Suiten, den beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers, der Kunst der Fuge. Damit beschenkt er das Publikum und sich selbst mit Musik des Tonsetzers, den er „für den größten Komponisten, der je gelebt hat“ und „den Besten von uns“ hält. Chapeau!

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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