Der Wiener Volksoper zum Geburtstag!

Wiener Volksoper Lass uns die Welt vergessen
Die Wiener Volksoper wird 125 Jahre © Thomas Rauchenwald

Eröffnet am 14. Dezember 1898 als Kaiserjubiläum-Stadttheater, fungierte das Haus zunächst als Sprechtheater, ehe ab der Saison 1904/1905 – der junge Alexander von Zemlinsky wurde 1904 als Musikdirektor engagiert – die ersten Spielopern eingeführt wurden. Leo Slezak, Richard Tauber und andere Größen gastierten hier, man zeigte große Premieren wie zum Beispiel die Wiener Erstaufführungen von Puccinis „Tosca“ 1907 und „Salome“ von Strauss 1910.

1938, nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich übernahm die Stadt Wien die nunmehrige Städtische Wiener Volksoper, die dann in Opernhaus der Stadt Wien umbenannt wurde. Laut der nationalsozialistischen Presse sollte das Haus nun endlich eine Bühne des Volkes werden, eine KdF-Bühne unter dem Namen „Volksoper“.

Das Haus am Gürtel diente nach Kriegsende infolge Zerstörung der Wiener Staatsoper im Zweiten Weltkrieg als Ausweichquartier für das Haus am Ring.

Nach der Eröffnung des wiederhergestellten Staatsoperngebäudes 1955 wurde die Wiener Volksoper wieder selbstständiges Musiktheater und in die „Österreichischen Bundestheater“ integriert. Auf den Spielplan kamen nun neben Operetten und Opern auch Musicals wie „West Side Story“ von Bernstein oder „Kiss me Kate“ von Porter.

Mit dem Bundestheaterorganisationsgesetz von 1998 wurde die Volksoper zu einem rechtlich selbständigen Unternehmen. 1999 erfolgte die Gründung der „Volksoper Wien GmbH“ als 100%ige Tochtergesellschaft der Bundestheater-Holding-GmbH. 

Erfolgreiche Direktionszeiten der jüngeren Geschichte zu verzeichnen haben Franz Salmhofer (1955 – 1963), Albert Moser (1963 – 1973), Karl Dönch (1973 – 1986), Eberhard Wächter (1986 – 1992), Ioan Holender (1992 – 1996) – zwischen 1991 und 1996 wurde die Volksoper zum ersten Mal in gemeinsamer Direktion mit der Staatsoper geführt – und Nikolaus Bachler (1996 – 1999).

Unter den Direktionen von Dominique Mentha und Rudolf Berger zwischen 1999 und 2007 drohte das Haus in die künstlerische Bedeutungslosigkeit abzurutschen – bis Robert Meyer, der bisher am längsten amtierende Direktor des Hauses, die Volksoper von 2007 bis 2022 wieder in ruhige, bewährte Fahrwasser gebracht hatte.

Seit 2022 hat das Haus nun erstmals eine Frau an der Spitze und Lotte de Beer bringt frischen – szenischen wie musikalischen – Wind an den Gürtel, ungewöhnliche Sachen, ohne das Publikum zu verschrecken oder die Grundfesten des Hauses zu erschüttern. Dieser eingeschlagene Weg, der sich auch an junge Leute richtet, möge, erfolgreich begonnen, eine neue Zeit an Wiens zweitgrößtem Opernhaus mit rund 1.260 Sitzplätzen einleiten.

Zum 125. Geburtstag wurde nunmehr das 2018 veröffentlichte Buch „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ von der Direktorin des Theatermuseums, Marie-Theres Arnbom, neu aufgelegt, worin die Schicksale von KünstlerInnen am Haus nach 1938 geschildert werden.

Diese Nachzeichnung der schrecklichen Ereignisse von damals stellt aber vor allem eine der Grundlagen für die Erarbeitung der Jubiläumsproduktion der Volksoper – „Lass uns die Welt vergessen – Volksoper 1938“ – dar, die am 14. Dezember 2023 zur Uraufführung kommt und mit der bewusst nicht auf Operettenseligkeit gesetzt wird.

Der niederländische Autor und Regisseur Theu Boermans und die israelische Dirigentin am Haus, Keren Kagarlitsky, wollen mit diesem Stück die Geschichte lebendig werden lassen und rekonstruieren dabei die Situation am Haus vor der NS-Machtübernahme 1938, wo eine Operette mit bereits bestehender Musik und Text von Jara Benes, Hugo Wiener, Kurt Breuer und Fritz Löhner-Beda – „Gruß und Kuss aus der Wachau“ – vorbereitet wurde. Ein Onlineprojekt, wobei DarstellerInnen in die Haut ihrer realen Charaktere schlüpfen und sich in Videozuspielungen direkt an das heutige Publikum wenden, begleitet diese Inszenierung. Erklingen wird auch zusätzliche Musik von Arnold Schönberg und Fritz Ullmann sowie neu komponierte Musik von der Dirigentin.

Faschismus, Intoleranz und Diskriminierung dieser Zeit führten zu Entlassungen von MitarbeiterInnen sämtlicher Sparten an der Volksoper, diese Menschen wurden wegen ihrer jüdischen Wurzeln oder ihrer politischen Einstellung verfolgt. Der kalten politischen Realität der Nazi-Zeit soll mit „Lass uns die Welt vergessen“ die Flucht in eine schöne Welt, der Traumwelt Operette, gegenübergestellt werden. Das Ensemble von heute spielt dabei das Ensemble von damals. 

Der schmerzhaften Konfrontation mit der Vergangenheit, wo alles im Begriff war, im braunen Sumpf unterzugehen, darf also auch in der Feierstunde bewusst nicht aus dem Weg gegangen werden: Lotte de Beer gebührt Respekt vor ihrem Mut zu solch‘ einer Produktion!

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

Kommentare

  1. Günter Pilhatsch

    Einen Direktor der die Wiener Volksoper so geprägt hat wie kein Zweiter, nämlich Hofrat Karl Dönch, nicht zu erwähnen ist eine Schande oder ein Versehen ihrerseits. Als Direktor dieses Hauses unerreicht…

  2. Mastalier Christine

    Seit meinem 9. Lebensjahr war ich monatlich in der Volksoper bei herrlichen Operettenaufführungen. Heute bin ivh 80. Es gastierten Sänger wie Rudolf Schock Nicolai Gedda. Helge Roswaenge feierte in Land des Lächelns seinen 75 Geburtstag in diesem Haus. Nach der Vorstellung hatte man noch die Melodien im Ohr.
    Heute vernachlässigt man die Operette, die auf der ganzen Welt als eines unserer Kulturgüter angesehen wird. Da das Haus subventioniert wird, ist es egal wie der Spielplan gestaltet wird. Für das breite Publikum bleiben 2 mal im Monat die Fledermaus.
    Ich habe ein Abo im Theater in Baden. Hier werden noch Operetten gespielt, wie der Komponist und Librietist es sich vorgestellt haben. Manchmal zu sehr modernisiert und Klamauk im 3. Akt, aber hier ist die Operette noch nicht zu Tode inszeniert wie in der Volksoper die „Madame Pompadur“ es muss doch möglich sein dieses „Operettenhaus “ von Österreichern leiten zu lassen und ebenso die Regie von unseren Leuten.. DIE können das, inklusive den Wiener Schmäh der unbedingt dazu gehört. Ich war in den beiden letzten Jahren nicht mehr in MEINER Volksoper. Das hätte ich mir nie vorstellen können

    1. Günter Pilhatsch

      Da kann ich ihnen nur Recht geben. Ich selbst war von 1973 bis 1984 als Mitglied der Mozart-Sängerknaben in der Dönch Ära an diesem Haus tätig. Spielte in vielen Opern und Operetten mit. Im „Rössl“ durfte ich 2 Jahre den Piccolo spielen in der legendären Inszenierung von Axel von Ambesser. Diese Zeit hat Karl Dönch bis heute geprägt. Danke dafür…

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte Sie auch interessieren