Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2024 – Eine Vorschau

Neujahrskonzert 2024
Musikverein Wien © Thomas Rauchenwald

Das alljährlich am 1. Januar im Großen Saal des Wiener Musikvereins stattfindende Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist nicht nur das bekannteste, sondern auch das populärste Konzert mit klassischer Musik überhaupt. Gewidmet vor allem den Werken der Strauss-Dynastie – Johann Strauss (Vater), Johann Strauss (Sohn), dem elegant charmanten der beiden Brüder, Josef Strauss, dem elegisch melancholischen der beiden Brüder, und Eduard Strauß – werden seit dem Neujahrskonzert 1961 auch regelmäßig Werke anderer Komponisten – Joseph Lanner, Carl Michael Ziehrer, Joseph Hellmesberger, Jacques Offenbach, Franz von Suppé – ins Programm genommen. Seit 1978 finden sich auch Werke musikalischer Jahresregenten – u. a. von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Peter Iljitsch Tschaikowsky, Giuseppe Verdi, Richard Wagner – im Programm, diese Tradition wird am 1. Januar 2024 mit einer Quadrille des jungen Anton Bruckner in einer Orchestrierung von Wolfgang Dörner fortgesetzt.

Die Frage nach dem am meisten außerordentlichen – das Attribut „besten“ will ich aufgrund der so unterschiedlichen, jede für sich außergewöhnlichen Interpretationen bewusst vermeiden – lässt sich mit den Konzerten von Herbert von Karajan, jenes großartig wehmütige aus 1987, und von Carlos Kleiber 1989, jenes fast schon champagnerhaft schmissige beantworten. Welches der vielen Konzerte kommt in deren Nähe? Gewiss nicht die weniger überzeugenden Konzerte von Claudio Abbado, Seiji Ozawa oder Gustavo Dudamel, deren Welt diese Art von Musik, genuine wienerische Musik, wohl allzu deutlich hörbar, nicht gewesen ist. Vielleicht das erste der beiden Konzerte von Nikolaus Harnoncourt? Das dritte von Franz Welser-Möst? Eines von Lorin Maazel, Riccardo Muti oder Zubin Mehta? Das zweite von Georges Pretre? Oder eines Daniel Barenboim? Das dritte Neujahrskonzert von Mariss Jansons nicht zu vergessen! Oder Christian Thielemann, der nach 2019 nun 2024 zum zweiten Mal von den Wiener Philharmonikern eingeladen wurde, ihr Neujahrskonzert zu dirigieren.

Musikalisch und überhaupt verstehen sich das Orchester und der deutsche Dirigent blendend, gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen rangiert in dieser musikalischen Partnerschaft ganz oben auf der Skala, Thielemann zählt mittlerweile zu den Dirigenten, dem das Meisterorchester alles und auch noch ein bisschen mehr gibt. „Es ist eine wunderschöne Aufgabe, die immer schöner wird, je besser das Orchester einen kennt und umgekehrt.“ – so Thielemann im Vorfeld des Konzertes. „Wir müssen gar nicht so viel miteinander besprechen. … Wenn ich an manchen Stellen zu viel dirigiere, dann würde ich das Orchester stören. Umgekehrt muss man aber in den richtigen Momenten da sein und den Takt vorgeben.“ Man darf gespannt sein auf das gegenseitige Geben und Nehmen, das Herausarbeiten der ganzen Temporückungen und Stimmungsschwankungen bei Stücken, die, ob ihrer geringen Spieldauer, nicht in aller Ruhe entwickelt werden können, sondern wo in der Regel nur einige Minuten Zeit ist, eine, das heißt „die“ jeweilige Atmosphäre zu schaffen, auf die spezielle Leichtigkeit wie Diskretion, um diese tief- und hintergründige Musik in all‘ ihren Dimensionen zu erfassen.

Neben dem bereits erwähnten Stück von Anton Bruckner sind es besonders folgende Werke, die im Zentrum des Programmes stehen: der Walzer „Wiener Bonbons“, der „Ischler Walzer“ und die Ouvertüre zur Operette „Waldmeister“ von Johann Strauss (Sohn),  der Walzer „Für die ganze Welt“ von Joseph Hellmesberger, der Walzer „Wiener Bürger“ von Carl Michael Ziehrer – und „Delirien“, jener Walzer von Josef Strauss, der in der Einleitung große, an Richard Wagner gemahnende Klänge aufweist, wofür Thielemann ja prädestiniert zu sein scheint.

Das Programm des kommenden Neujahrskonzertes kann insgesamt mit neun Erstaufführungen aufwarten, was für zusätzliche Spannung sorgt. Und „Christian schenkt uns bei den Proben nichts. Er holt das Letzte und Beste aus uns heraus.“ – so der Vorstand der Wiener Philharmoniker, Daniel Froschauer, über die gemeinsame Arbeit mit Thielemann. Froschauer berichtet weiters von guten atmosphärischen Zeichen für das Konzert – und schwärmt auch über Hellmesberger, dessen „Estudiantina-Polka“ gespielt wird und der für ihn das Wienerische verkörpert, das er wie folgt definiert: „Es ist ein bisschen lasziv, ein bisschen unanständig – es berührt mich tief.“

Die ganze (Musik)Welt freut sich auf das Neujahrskonzert der „Unvergleichlichen“, wie die Wiener Philharmoniker gerne genannt werden, unter Christian Thielemann am 1. Januar 2024 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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