JANACEK BRNO 2026 – 1

Der große tschechische Bassist Richard Novak, links, wird von Intendanten Jiri Herman, rechts, auf offener Bühne im Narodni divadlo Brno anlässlich seines 95. Geburtstages geehrt © Thomas Rauchenwald

Der erste Besuch des nun bereits zum zehnten Mal stattfindenden, Internationalen Opern und Musik-Festivals in Brünn – JANACEK BRNO 2026 – führt SIMPLY CLASSIC gleich an drei bemerkenswerte Spielstätten: ein Opernbesuch im Janacek-Theater in Brünn wird eingerahmt von einem Streichquartett-Nachmittag in der Villa Löw-Beer und einer Klaviermatinee im Leos-Janacek-Haus.

Seit sie im Rahmen des Janacek Festivals 2018 zur Premiere kam, zählt die Inszenierung von Leos Janaceks Oper in drei Akten, PRIHODY LISKY BYSTROUSKY (DIE ABENTEUER DER FÜCHSIN SCHLAUKOPF), mit der das Nationaltheater Brünn 1965 auch eröffnet wurde, zu den beliebtesten, besten Produktionen des Janacek-Theaters überhaupt. Kreiert hat diese Inszenierung der Regisseur Jiri Herman, seit Jänner 2015 auch Operndirektor an diesem Brünner Nationaltheater, unterstützt von Dragan Stojcevski, Bühne, Alexandra Gruskova, Kostüme, und Daniel Tesar, Lichtdesign. Was die Ästhetik dieser Regiearbeit betrifft, worin die Farben Orange und Grün dominieren, ist sie wohl vom tollen Bildband „Rudolf Tesnohlidek. Liska Bystrouska“, illustriert von Vendula Chalankova, inspiriert; die Handlung selbst hat Jiri Herman in ein Kinderheim verlegt.

Dieser Kniff entspringt – und entspricht total – der Entstehung des Werkes. Janaceks Oper basiert auf einer Fortsetzungsgeschichte des Journalisten und Dichters Rudolf Tesnohlidek, die als Comicstrip in einer Brünner Tageszeitung entstand. Der genannte Schriftsteller wiederum hatte ein im Wald ausgesetztes Kleinkind gerettet, 1924 den ersten Weihnachtsbaum der mährischen Republik in Brünn mit Spenden für verlassene Kinder initiiert, aus dessen Erlösen das Kinderhaus Dagmar in Brünn finanziert und eröffnet wurde, die Einrichtung im Gebäude des Architekten Bohuslav Fuchs existiert noch heute. Das Auffinden des kleinen Mädchens im Wald hat auch Leos Janacek inspiriert: der Förster fängt die junge Füchsin im Wald und nimmt sie mit nach Hause.

Regisseur Herman erzählt die Geschichte des schlauen Füchsleins nun mit den Augen der Kinder, die die Bühne mit ihren Spielsachen nahezu überbevölkern und das Haus des Försters und seiner Frau – hier wohl des Hausmeisters und der Heimleiterin, der Revirnik wird bei Herman offenbar zum Domovnik – in einen Wald und sich selbst in Waldtiere verwandeln. Die Vergänglichkeit des Lebens wird dadurch symbolisiert, dass die fuchsroten Strickarbeiten der Frau immer mehr und mehr werden, wehmütig blicken die Alten auf die Jungen.

Der Kreislauf des Lebens und der unbezähmbaren Natur mit ihren eigenen Gesetzen von Leben, Lieben und Sterben, eine philosophische Meditation über Vergänglichkeit und Neubeginn – alles das und noch viel mehr ist die 1924 entstandene Oper von Janacek. Eines ist das tiefgründig dichte Werk jedoch keineswegs: eine Kinderoper – und glücklicherweise inszeniert Herman das Werk auch nicht als solche, obwohl sich viele Kinder im Publikum befinden und, wie die Erwachsenen, die bereit sind, sich auf diese vielschichtige Inszenierung auf mehreren Ebenen, einzulassen, dem bunten, enorm bewegungsreichen Treiben auf der Bühne beglückt zusehen. Menschen- und Tierwelt gehen bei Herman immer wieder intelligent ineinander über, Spiel- und Denkräume tun sich da auf, ebenso die weite Natur: klar wird derart auch, dass diese Oper zwischen Tierfabel und Lebensphilosophie changiert. Die drastischen Abgründe bezogen auf Erotik und Sexualität – der Förster holt sich ja mit der jungen Füchsin die Geliebte ins Haus, hier schlägt der „späte Wilde“ Leos Janacek voll durch – spart der Regisseur aber zur Gänze aus, weshalb sich die gelungene Produktion auch als eben durch und durch kindergerecht erweist.

Die Tatsache, dass Tomas Netopil das ORF Radio-Symphonieorchester Wien im Graben des Brünner Nationaltheaters dirigiert, erweist sich musikalisch als reinster Glücksfall, fasst dieser Dirigent, mit dieser Musik höchst vertraut, Janaceks Werk doch überwiegend als einen mährischen Sommernachtstraum auf. Melodisch, betont lyrisch fließt diese großartige Musik, die höchste Dynamik des tief hinuntergefahrenen Orchesters lässt Netopil erst im hymnisch gesteigerten Schluss zu. Bis dahin funkeln der Wald und seine Tierwelt mild, sanft herbstlich leuchtend, Janaceks geschärfte Rauheit kommt da nicht durch, Netopils feines Dirigat ist ganz auf die Inszenierung und die Jahreszeit abgestimmt, wofür der Dirigent und das sehr gut disponierte Orchester, das Netopil beim Schlussapplaus auf die Bühne holt, vom Publikum auch heftig akklamiert werden.

Und auch die Besetzung erweist sich als exzellent an diesem Abend. Als Füchslein Schlaukopf lässt ihren wunderschönen, runden, vollen Sopran Katerina Knezikova, nominiert für den Thalia-Preis in der Kategorie „Beste weibliche Opernleistung“ für ihre Titelrolle in Janaceks KAT’A KABANOVA am Nationaltheater Brünn, ertönen. Ihr in nichts nachstehend, singt Vaclava Krejci Houskova mit rundem, wohl timbriertem Mezzosopran einen hinreißenden Fuchs Goldrücken. Adam Plachetka gibt einen baritonstarken, stimmlich eindringlichen Förster. Die übrigen, vielen kleinen Rollen sind aus dem Ensemble des Hauses rollendeckend bis sehr gut besetzt.

Gestattet sei allerdings die Anmerkung, dass die lange Pause von 25 Minuten nach dem zweiten Akt die immense Sogwirkung von Janaceks pulsierender Musik empfindlich stört, weshalb seine letzten vier Opern, ab KAT’A KABANOVA, seine sogenannten „Kamila-Opern“, die alle nur Spielfilmlänge aufweisen, wirkungsvoller ohne Pause gegeben werden sollten.

In die Annalen des Janacek Theaters wird diese hervorragende Aufführung der „Bystrouska“ am Abend des 24. Oktober 2026 aber insofern eingehen, als dass der große, am 2. Oktober 1931 geborene, Bassist Richard Novak, die lebende Legende der tschechischen Opern- und Liedszene, der bereits bei der Eröffnung des neuen Janacek-Theaters mitgewirkt hatte, anlässlich seines hohen Geburtstages nach der Vorstellung auf offener Bühne von Intendanten Herman geehrt wurde. Dem aber nicht genug, interpretiert der als Sänger immer noch imposante, sichtlich gerührte, 95-jährige Jubilar die Schlussszene, diese berührende, reflektierende Selbstbetrachtung, wo der Förster Eins mit seinem Leben und der allumfassenden Natur wird, aus Janaceks „Füchslein“ äußerst ausdrucksstark und bewegend in jeder Nuance, mit immer noch voll intakter, beinahe bruchlos geführter Stimme. Stehende Ovationen für Richard Novak im Brünner Nationaltheater!

Zuvor, am Nachmittag des 24. Oktober 2026, gibt es ein spannendes Kammermusik-Programm in der Villa Löw-Beer – zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Moritz Fuhrmann für den Alfred Löw-Beer im Jugendstil erbaut – mit dem 2024 in Bern gegründeten Arola Quartet. Die vier jungen MusikerInnen – Samuel Hirsch (Erste Violine), Alla Ternova (Zweite Violine), Viktoria Vanteeva (Viola) und Zoia Sudnis (Violoncello), stammend aus der Schweiz, der Ukraine und Russland – beweisen enorme Inspiration bei ausgesprochen schweren, inhaltlich reichen, weit in die Tiefen der menschlichen Seele führenden Werken der Streichquartettliteratur. Der Bogen spannt sich vom Streichquartett Nr. 1 „Kreutzer-Sonate“ von Leos Janacek – eine junge Frau wird von ihrem despotisch psychopathischen Ehemann terrorisiert – über das Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110 von Dmitri Schostakowitsch – herzzerreißend tragisch, tief melancholisch, „Musik mit dem Herzblut geschrieben“ (Carl Sandberg) – zum Streichquartett Nr. 4 C-Dur Sz. 91 BB 95 von Bela Bartok – eines seiner größten Werke, modern expressiv, experimentierend mit akustischen Effekten und den technischen Möglichkeiten der vier Streichinstrumente, das, das nach einer kurzen Unterbrechung, zum Höhepunkt im Zusammenspiel der Vier und des Nachmittags gerät. Dem jungen Quartett kann sein Mut, derartig komplexe Werke hintereinander aufzuführen, gar nicht hoch genug angerechnet werden.

In der Matinee am 25. Oktober 2026 geht’s dann noch in die Pamatnik Leose Janacka, dem Leos-Janacek-Haus, des großen Komponisten kleines Haus im Garten der ehemaligen Orgelschule, das er die letzten achtzehn Jahre seines Lebens bewohnte, zugleich Geburtsstätte seiner in einem einzigartigen späten Schaffensrausch komponierten, größten Meisterwerke. Jan Jirasky, bereits 2007 zum Leiter der Klavierabteilung der Janacek-Musikakademie in Brünn ernannt, an der er selbst studierte und sein Studium mit einer Promotion, einer umfassenden Studie über die Klavierwerke von Janacek, abschloss, spielt auf dem eigenem Ehrbar-Flügel des Komponisten ein erlesenes, pausenloses, gut einstündiges Programm. Im Zentrum steht dabei der überwiegend lyrisch fließende Klavierzyklus PO ZAROSTLEM CHODNICKU – AUF VERWACHSEMEM PFADE JW VIII/17, wobei die Nr. IV „Die Friedecker Muttergottes“, die Nr. VII „Gute Nacht!“, die Nr. IX „In Tränen“ und die Nr. X „Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen“, zu Höhepunkten geraten: ungemein kostbare Miniaturen, sehr feinfühlig subtil interpretiert. Dazu erklingen, zu Lebzeiten des Komponisten nicht veröffentlicht, noch I. „Andante“ und II. „Allegretto“ aus der neuen Serie von PO ZAROSTLEM CHODNICKU JW VIII/17, ergänzt von zwei kurzen Klaviersätzen Janaceks, Con moto und Allegro. Den Beginn machen eingangs die MAZURKAS op. 56 B 111 des mit Janacek befreundeten Antonin Dvorak – als seine feinsten Werke für Klavier geltend, äußerst wehmütig, melancholisch, bisweilen ein wenig an Schubert erinnernd, gespielt.

Die Reise in die schöne Stadt Brünn hat ob der intensiven, ergiebigen Musikerlebnisse wieder einmal mehr als gelohnt.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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