Was Klavierkunst betrifft, geht es zum Finale der Salzburger Festspiele hoch her, gleich drei exzellente PianistInnen geben sich binnen vier Tagen die Ehre im Großen Festspielhaus.
Den Beginn macht am 27. August 2026 der 29 Jahre junge französische Pianist Alexandre Kantorow mit der selten gespielten Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43 von Sergej Rachmaninow. Dem Werk liegt die Caprice Nr. 24 von Niccolo Paganini zugrunde, die Rachmaninow in 24 Variationen abwandelt und so im Grunde ein einsätziges Klavierkonzert geschaffen hat. Das Stück, für den Pianisten „höllisch schwer“, wie der Komponist selbst bemerkt hatte, wird von Kantorow höchst durchdacht und erfrischend spontan in seiner ganzen Virtuosität blendend erfasst. Als Zugabe zu hören das Prèlude cis-moll op. 45 von Frèdèric Chopin, traumwandlerisch interpretiert. Begleitet wurde Kantorow vom Pittsburgh Symphony Orchestra, das unter seinem Chef Manfred Honeck wieder eine Europatournee absolviert. Vor Rachmaninow standen noch die vom Dirigenten und Tomas Ille für Orchester bearbeiteten Fünf Stücke für Streichquartett von Erwin Schulhoff auf dem Programm, nach der Pause in großer Orchesterbesetzung – mit neun Kontrabässen und zehn Violoncelli – als Hauptwerk des Abends die Symphonie Nr. 5 d-moll op. 47 von Dmitri Schostakowitsch. Eine Aufnahme letztgenannten Werkes des Orchesters unter Honeck wurde 2018 mit einem Grammy Award ausgezeichnet, an diesem Abend kann das doppelbödige Werk nicht ganz seine zwingende Wirkung entfalten, man hat das Stück schon abgründiger, schneidender, niederschmetternder gehört.
Tags darauf, am 28. August 2026 spielt Igor Levit, einer der vielseitigsten wie innovativsten Pianisten unserer Zeit, ein Rezital. Den Beginn mach die Sonate für Klavier A-Dur D 959 von Franz Schubert. Obwohl höchst sensibel angelegt und mit feinstem Anschlag interpretiert, legt Levit die schmerzlichen Abgründe dieser Sonate nicht wirklich frei, zu beiläufig perlend kommen manche Passagen daher, auch erscheinen die Tempi im ersten und im ersten Teil des zweiten Satzes zu schnell, im vollgriffigen vierten Satz gerät manches ein wenig brav. Ein ähnliches Bild dann zu Beginn des zweiten Teiles des Abends nach der Pause, wo sich das heroische, unverkennbar nationale Pathos der Fantasie f-moll op. 49 von Frèdèric Chopin nicht so ganz einstellen will. Überragend aber, weil stürmisch kompromisslos gespielt und aus dem Steinway in allen Verästelungen wie herausgemeißelt erklingt dann zum Schluss die Sonate für Klavier Nr. 23 f-moll „Appassionata“ von Ludwig van Beethoven, der den Standing Ovations des Publikums geschuldet, der zweite Satz aus der Sonate für Klavier Nr. 8 c-moll op. 13. „Pathetique“ von Beethoven als einzige Zugabe folgt.
Aufgrund einer Verletzung war es Daniil Trifonov, wie ursprünglich geplant, nicht möglich, zwei Konzerte der Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons zu spielen und wurden die beiden Termine von der in New York lebenden, chinesischen Ausnahmepianistin Yuja Wang bei geändertem Programm übernommen. Zu Beginn stand auch in der Matinee am 30. August 2026 anstelle des dritten Klavierkonzertes von Sergej Rachmaninow das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-moll op. 16 von Sergej Prokofjew, ein Werk voll von suggestiver Kraft, im Grunde nur KlavierkünstlerInnen, die über höchste Virtuosität verfügen, vorbehalten. Die technische Vollendung und interpretatorische Rasanz, die Yuja Wang an diesem Vormittag an den Tag legt, ist verblüffend, atemberaubend. Die beispiellosen Dimensionen des Klavierparts – die Solistin ist nahezu ununterbrochen beschäftigt, ob mit Solokadenzen oder mit dem massiv instrumentierten Orchester – werden mit einer scheinbaren Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit wiedergegeben, die heute wahrscheinlich beispiellos ist. Das Werk, ein Nonplusultra an pianistischer Klangmasse und Schwierigkeit, glänzt nahezu unter den Händen der Pianistin, die dissonant und maschinenhaft rhythmischen Stellen meistert sie selbstverständlich, ja vermittelt sie mit unglaublicher Spielfreude. Dem Publikumsjubel folgen drei, ebenso mit schier grenzenloser Virtuosität wie Souveränität gespielte Zugaben – Reigen seliger Geister aus „Orfeo ed Euridice“ Wq 30 von Christoph Willibald Gluck in einer Bearbeitung für Klavier, die horrend schweren Variationen über ein Thema aus Bizets Carmen von Vladimir Horowitz, und Alla Turca Jazz op. 5b von Fazil Say. Wegen ihrer fesselnden Darbietung gebührt der Solistin auch das Blogfoto. Nach der Pause treten die Wiener Philharmoniker dann zum letzten Mal in diesem Sommer an, um, mit überschäumender Musizierlust von Andris Nelsons interpretiert, in opulenter Klangsinnlichkeit und mit silbrig schimmerndem, vollem, rundem Orchesterklang aus der Feder von Richard Strauss zunächst bei der der Tondichtung für großes Orchester Don Juan op. 20, danach bei Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28 – Nach alter Schelmenweise in Rondeauform für großes Orchester gesetzt, in bester Orchesterkultur groß aufzuspielen. Noch einmal dürfen alle philharmonischen SolistInnen glänzen, das ganze Orchester zeigt beeindruckend, was es kann. Zu Recht großer Jubel vom Publikum für Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker zum Abschluss der diesjährigen Salzburger Festspiele.