„Jedes Stück ist im Gedanken an eine französische Region komponiert. Es trägt im Titel den Namen eines Vogels, der für die gewählte Region typisch ist. Dieser tritt nicht allein auf: seine Mitbewohner des Habitats umgeben ihn und singen ebenfalls … ; die Landschaft, die sich mit dem Wechsel von Tag und Nacht verändert, ist ebenfalls präsent, mit ihren Farben, ihren Temperaturen, der Magie ihrer Düfte.“, führt der Komponist, Ornithologe und Synästhet Olivier Messiaen selbst über seinen dreizehnteiligen Klavierzyklus Catalogue d’oiseaux (Vogelkatalog) aus.
Jeder der dreizehn Sätze trägt den Namen eines Vogels, aber Messiaen beschränkt sich nicht darauf, diesen Vogel musikalisch darzustellen. Das Werk trägt eine zweifache Widmung: „seinen gefiederten Modellen, der Pianistin Yvonne Loriod“. Loriod, Messiaens spätere zweite Frau, spielte auch die Uraufführung am 15. April 1959 in der Salle Gaveau in Paris im Rahmen der von Pierre Boulez organisierten Konzertreihe Domaine Musical.
Einer von Loriods Studenten, der Pianist Pierre-Laurent Aimard, eine Schlüsselfigur der musikalischen Avantgarde, ist mittlerweile Stammgast bei den Salzburger Festspielen. Für seinen Klavierabend am späten Abend des 2. August 2026 im Großen Saal der Stiftung Mozarteum wählt er ausschließlich Sätze aus Messiaens Vogelkatalog, dieser großen Hymne an die Natur von einem Mann, der nie aufhörte, über die verblüffende Schönheit von Landschaften oder die Magie des Vogelgesangs zu staunen.
Der Komponist ist Meister innovativer Strukturen und findet eine erstaunliche Bandbreite von Klaviersonoritäten. Dank Aimards Fähigkeit, dieses farbenfrohe Werk entstehen zu lassen, ist seine fulminante Interpretation an diesem Abend als mustergültig zu bezeichnen. Aimard spielt die Sätze Le Traquet Stapazin (Mittelmee-Steinmätzer), Le Loriot (Pirol), Le Merle bleu (Blaumerle), Le Curlis cendré (Großer Brachvogel), La Chouette hulotte (Waldkauz) und L’Alouette lulu (Heidelerche) – und man bedauert bei diesem Tastenrausch, diesen Klavierkaskaden, diesen Klangkathedralen, nicht den ganzen Zyklus erleben zu dürfen. Der Pianist meistert die vertrackten spieltechnischen Herausforderungen und demonstriert mit Elan, ausgefeilter Interpretation, unbändiger Gestaltungsfreude und großer Klangimagination, wie ungemein spannend und packend diese Stücke sind. Das Publikum im Mozarteum applaudiert spätabends heftig und lange, eine Zugabe gibt es nicht.