Klaus Mäkelä und Barrie Kosky begeistern mit DIE FRAU OHNE SCHATTEN in Aix-en-Provence

Großartige Sängerinnen in DIE FRAU OHNE SCHATTEN in Aix-en-Provence: Ambur Braid (Färberin) und Vida Mikneviciute (Kaiserin) © Monika Rittershaus

Mit DIE FRAU OHNE SCHATTEN, der Oper in drei Aufzügen op. 65, diesem in nicht konfliktfreier Zusammenarbeit entstandenem Werk, haben Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal wohl ihre artifiziellste, symbolträchtigste Arbeit geschaffen. Das lange, an der Wiener Staatsoper, im Oktober 1919 uraufgeführte Stück – die letzte romantische Oper wie gleichsam Vollendung und Ende der Literaturoper – stellt sowohl für Ausführende als auch für das Publikum eine der größten Herausforderungen überhaupt, was Musiktheater betrifft, dar. In einer Koproduktion mit La Monnaie/De Munt in Brüssel und der Griechischen Nationaloper in Athen wagt sich das Festival d‘Aix-en-Provence nun an eine Neuproduktion dieses komplexen Meisterwerkes.

Barrie Kosky inszeniert dieses Stück am Grand Theatre de Provence, unterstützt von Michael Levine mit karger Bühne, Victoria Behr, deren Kostüme bisweilen Kunstwerke gleichkommen, vor allem, was die Figuren der Kaiserin und der Färberin, betrifft, Franck Evin mit magischem Licht und Antonio Cuenca Ruiz mit überzeugender Dramaturgie. Mag die Ausstattung an Radierungen von Kiki Smith, Alfred Kubin, Remedios Varo und Leonora Carrington erinnern, nimmt der Regisseur dieses Stück ernst, über den Maßen ernst, ohne den Anflug jeglichen Klamauks, eine Facette, die er ebenso meisterhaft beherrscht. Auf der fast kahlen Bühne spürt er den Personen auf den Grund, subtil, psychologisch, deren problematischen Beziehungen zueinander schon sezierend herausarbeitend. Das Stück ein orientalisches Märchen? Fehlanzeige. Tiefenpsychologie à la Sigmund Freud auf der Bühne? Mitnichten. Gelungene, theatralische Effekte? Genau das kann Kosky! Und diese vielschichtige Regiearbeit, die sich, wie das Stück, auf mehreren Ebenen abspielt, ist ganz aus der wunderbaren Musik von Richard Strauss entwickelt und stellt Musiktheater in Reinkultur dar. In der Welt des Kaisers und der Kaiserin regiert Minimalistik, das turmartig angelegte Färberhaus ist ein chaotisches Sammelsurium. Der dämonisch verschlagenen Figur der Amme verleiht er mephistophelische Züge, wird deren Auftreten doch von einer Schar lemurenartiger Wesen begleitet. Reduktion auf das Wesentliche, bisweilen auf ganz wenig, auf nichts auf der kahlen weißen Bühne im dritten Akt, scheint das Motto seines Konzeptes zu sein, das auf allen Ebenen schlüssig ist und sich im Ergebnis zu seltener Klarheit, was dieses schwierige Stück betrifft, formt. Was bedeutet Menschsein in der heutigen Zeit? Ist Humanität noch zeitgemäß? Steht der Schatten der Frauen nicht nur für Mutterschaft, sondern auch für das Wesen des Menschen, seiner Seele überhaupt? Alle diese Fragen stellen sich bei aufmerksamem Verfolgen dieser Inszenierung. Und auch wenn diese Fragen wohl unlösbar sind, die Auseinandersetzung damit lohnt – diesen Aspekt führt uns Koskys hochspannende Regiearbeit schonungslos vor Augen, und bringt mit seinem Welttheater die hemmungslosen Emotionen dieses Werkes beinahe schon abgründig zum Ausdruck.

Nur in der Oper äußerst erfahrene Dirigenten überhaupt haben mit diesem Werk reüssieren können, umso bemerkenswerter ist es, dass der gerade erst 30jährige Klaus Mäkelä, einer der interessantesten jungen Dirigenten, was Orchesterwerke betrifft, dieses Riesenwerk für sein Debüt im Orchestergraben wählt. Naturgemäß fehlt ihm die Erfahrung eines langen Dirigentenlebens für so ein schwieriges Stück, aber der junge Mann erfasst Strauss‘ grandiose Partitur mit enormem, schlafwandlerischem Instinkt. Das Orchestre de Paris, gewiss keine Formation, die man mit dieser Oper in Verbindung bringen würde, musiziert auf Stuhlkanten sitzend für seinen Chefdirigenten, und der verleiht dem Orchester einen flirrenden Klang, der mediterran zu glühen scheint, bisweilen schüttet das Orchester förmlich einen silbrigen, fein schimmernden Prachtglanz aus. Der Riesenpartitur, die Kammermusik und vollen Orchesterklang, leichte Instrumentierung wie üppig große, sinfonische Szenen kombiniert, erweist der den ganzen Abend wie unter Starkstrom stehende Maestro seine besondere Referenz. Mit der in allen Instrumentengruppen am Abend des 9. Juli 2026 glänzend aufgestellten Formation muss eine akribische Probenarbeit durch und durch geleistet worden sein: jede Verästelung, jede Stimme, ungeahnte Klangfarben und Schattierungen zieht der junge Dirigent mit beeindruckendem Handwerk aus dem Orchester und bleibt auch im stärksten Furor immer klar und transparent. Welch‘ raffiniert geknüpften Klangteppich webt er doch den KünstlerInnen auf der Bühne, animiert seine MusikerInnen immer wieder aufeinander und auf die SängerInnen zu hören, dass alles und alle hörbar sind und bleiben. Zwischen Orchester und Dirigenten, das spürt man förmlich, herrscht ein gegenseitiges Geben und Nehmen – das ist das Geheimnis, das diesen Abend zu einem außerordentlichen, ja festspielwürdigen, beeindruckenden Ereignis macht.

Die Vorstellung im heruntergekühlten, modernen Haus bei Außentemperaturen an die 40 Grad Celsius gerät aber nicht nur zu einem Hochfest des Orchesterglanzes, sondern auch zu einem Fest exquisiter Stimmen. Unbedingt zu erwähnen ist die hervorragende Artikulation wie Wortdeutlichkeit der ProtagonistInnen. Nina Stemme verfügt mit voller, satt grundierter Stimme noch über alle für die Amme erforderlichen Stimmnuancen, von hysterischem Keifen, wie oft in dieser Rolle, bemerkt man nichts; weshalb sie sich vor dem dritten Akt ansagen lässt, verwundert. Der Kaiser ist mit Michael Spyres hochkarätig besetzt – ein jugendlich-dramatischer Tenor, der auch die hohe Tessitura der Partie bombensicher meistert, dem vor allem im zweiten Akt starke, dramatische, mit Stentorstimme gesungene Ausbrüche gelingen, und der, von Mäkelä animiert, im dritten Akt wunderbar gesponnene, ausgesprochen schöne Legatobögen formt. Brian Mulligan als Färber Barak mit geschmeidigem Bariton verfügt über eine äußerst warme Stimme und berührt mit seiner menschlichen Rollengestaltung.

Stimmlich wie künstlerisch gebührt aber den beiden, stimmlich wie darstellerisch äußerst attraktiv besetzten Frauen in den Hauptpartien gemeinsam die Krone des Abends. Dem Erfordernis eines zum Teil echten hochdramatischen Sopranes mit Strahl wie Stahl gleichsam in der Stimme wird Ambur Braid als Färberin mehr als gerecht, gepaart allerdings mit bewegendem Ausdruckssingen, wartet sie doch auch mit leisen Zwischentönen auf und beeindruckt ebenso mit tiefem Stimmfundament. Was die persönliche Rollengestaltung anbelangt, neigt sie glücklicherweise nicht zur üblichen Darstellung der Färbersfrau als hysterische Neurotikerin, sondern zur im Grunde tief verletzten, stolzen, jungen Frau. Als Kaiserin und dem Werk seinen Namen gebende „Frau ohne Schatten“ durchlebt Vida Mikneviciute eine wahrhaftige und überzeugende stimmliche Entwicklung an diesem Abend. Anfangs noch mit leichten Höhenschärfen hell und silbrig klingend, lässt sie im Verlauf der Aufführung mehr und mehr dramatischer werdenden, jugendlich sinnlichen Sopran mit immenser Strahlkraft und voll aufblühender Höhe vernehmen; im Schlussakt verströmt ihre packende Stimme dann einnehmenden, großen Jubelton.

Man hat DIE FRAU OHNE SCHATTEN in Aix wieder einmal gesehen, wie sie sein soll, als Drama für den aufgeklärten Menschen. Und man hat sie umso beglückender gehört, wie’s bei Festspielen sein soll, in einer musikalisch außerordentlichen Wiedergabe. Der Jubel des Publikums fällt an diesem Abend für alle Ausführenden zu Recht enthusiastisch aus.  

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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