Tschaikowsky rhapsodisch – Zubin Mehta und die Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie

Altmeister Zubin Mehta inmitten der Münchner Philharmoniker am 18. Juni 2026 in der Isarphilharmonie in München © Thomas Rauchenwald

Die Münchner Philharmoniker ernannten Zubin Mehta 2004 zum ersten Ehrendirigenten in der Geschichte des Orchesters, dem Dirigenten wurde 2024 in Anerkennung seiner Verdienste die Goldene Ehrenmünze der Stadt München verliehen. Anlässlich seines 90. Geburtstages im heurigen Jahr dirigiert der greise Dirigent das Orchester Mitte Juni nun in drei Konzerten in der Isarphilharmonie in München.

Auf Wunsch des Dirigenten wird die zweite Programmhälfte der Konzerte kurzfristig geändert. Statt der ursprünglich programmierten, neunten Symphonie von Anton Bruckner erklingt als Hauptwerk nach der Pause die Symphonie Nr. 5 e-moll op. 64 von Peter Iljitsch Tschaikowsky.

Sergiu Celibidache, Chefdirigent des Orchesters von 1979 bis zu seinem Tod 1996, hat einmal im Wesentlichen erklärt, Musik könne entstehen, wenn ein Orchester als Klangkörper im reinsten Sinn des Wortes agiere. Daran wird man unweigerlich erinnert, wenn sich Zubin Mehta am Abend des 18. Juni 2026 mit dem in allen Gruppen bestens disponierten Orchesters anschickt, Tschaikowskys Meisterwerk zu interpretieren, worin, nach Tagebuchbemerkungen des Komponisten, „ein Mensch, sein schwermütig wildes, leidenschaftliches Lied an das Leben, dem er sich nahezu verzückt in die Arme wirft, singt“.

Und was der altersweise Zubin Mehta an diesem Abend abliefert, ist eine einzigartige, grandiose Interpretation. Ähnlich Celibidache wählt er zwar sehr breite Tempi, die Musik wird dadurch aber niemals träge oder eintönig. Dem großen Dirigenten gelingt nämlich das Kunststück, von der Einleitung bis zum triumphalen Finale einen großen, durchgehenden Spannungsbogen zu erzeugen und zu halten. Durch seine persönliche Auseinandersetzung sein ganzes Leben lang mit Tschaikowskys Musik erreicht Mehta eine kaum mehr zu überbietende Intensität des musikalischen Ausdrucks: wilde Gefühlsausbrüche und zarte, lyrische Passagen, Verzweiflung und lebensbejahende Zuversicht stehen in dieser Wiedergabe größter emotionaler Tiefe nebeneinander. Einfach meisterhaft, mit den Erfahrungen seines ganzen, langen Dirigentenlebens, gelingen dem Orchester unter seiner sparsam reduzierten, doch klaren Zeichengebung alle Phrasierungen und Übergänge sowie Steigerungen mit immer wieder atemberaubenden Höhepunkten.

Der Orchesterklang ist ungemein räumlich, durchsichtig, gestaffelt, natürlich, verstärkt von der herrlich warmen Akustik der Isarphilharmonie. Selten klingt diese Musik so traurig und schön, so dramatisch und ergreifend wie hier, selten kommt das russische Element dieses grandiosen Werkes mit seinen jähen Wechseln von düsterer Melancholie, zarter Lyrik und wilden Temperamentsausbrüchen, in der grellen Instrumentierung, der geschärften Harmonik und hemmungslosen Rhythmik so deutlich zum Ausdruck wie unter diesem Altmeister unter den Dirigenten. Zubin Mehta erreicht mit seiner Wiedergabe, womit er diese Symphonie in die Nähe einer großen Rhapsodie rückt, eine Intensität sondergleichen und wird nach einer für dieses Werk langen Spieldauer von 55 Minuten vom Publikum zu Recht enthusiastisch bejubelt und gefeiert.

Vor der Pause ist noch eine Kostbarkeit sondergleichen zu hören, das Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622 von Wolfgang Amadeus Mozart, in einer durch und durch gelungenen, romantischen Deutung von Dirigenten und Orchester im Verein mit der ausgezeichneten Soloklarinettistin der Münchner Philharmoniker, Alexandra Gruber, die auf ihrem Instrument einen betörenden, wunderbar abgetönten Klang vernehmen lässt.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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