„Kinder, macht Neues! Neues! und abermals Neues! – hängt Ihr Euch ans Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler!“, schreibt Richard Wagner am 8. September 1852 an Franz Liszt, und richtet sich damit gegen Berlioz und Raffs Praxis der Neubearbeitungen eigener Werke. Kein Satz wurde und wird in den letzten Jahrzehnten so missbraucht wie dieser, um immer wahnwitzigere Wege der Opernregie zu legitimieren. Wagners Werke dienen aber doch immer wieder als Inspirationsquelle, vor allem seine Modernität im Aufgreifen gesellschaftlich virulenter Probleme, die den Künstler bis heute zum Visionär macht.
Bei Opera Ballet Vlaanderen nehmen Susanne Kennedy (Regie) und Markus Selg (Bühne und Video), unterstützt von Andra Dumitrascu (Kostüm), Sascha Zauner (Licht) und Dominic Santia (Choreografie), Richard Wagners Bühnenweihfestspiel PARSIFAL als Ritual beim Wort, und zwar als Ritual auf der Suche nach spirituellen Ebenen hinter den Schleiern der digitalen und der materiellen Welt. Die Produktion, die im September 2025 in Gent zur Premiere kam, ist nun auch bei den Wiener Festwochen, in der Halle E im MuseumsQuartier, zu sehen.
Wagners Werk wird dabei erlebt als eine Welt aus archaischen wie futuristischen Ästhetiken, religiösen Symbolen und KI-generierten Bildern; als Inspirationsquellen dienen auch christliche, buddhistische und hinduistische Gedanken. Das Ergebnis dieser Mischung aus Performance, Installation und Film ist eine Überfülle von Einfällen, verbunden mit einem Overkill von dauerflutenden Landschafts-, Struktur- und Fantasievideos. Die endlosen Bildschirmschoner-Landschaften zeigen eine meist brennende, verwundete Welt, mächtige Gebirgspanoramen, endlos weite Ebenen, und das alles in einem bilderhaften Farbenrausch sondergleichen. Ist man bereit, sich darauf einzulassen, beeindrucken diese Bildwelten vor allem im Fluss mit den Verwandlungsmusiken, ist diese Arbeit ganz stark an Musik und Text Wagners zu erkennen, weil alle Parsifal-Elemente – zum Beispiel Schwan, Gralskelch, Taube – vorhanden sind. Eine ausgefeilte Personenregie wie subtile, psychologisch fundierte Personenführung sucht man vergeblich: meistens stehen, sitzen oder liegen die ProtagonistInnen auf der voll gerümpelten Bühne, weshalb sie sich aber ganz aufs Singen konzentrieren können. Das Publikum soll Teil einer Gesellschaft auf einen rituellen Weg sein. Eigenartigerweise steht dieses Konzept der grandiosen Musik Wagners keinesfalls im Wege: Kennedy und Selg wollen uns klarmachen, dass die wirklichen Kräfte des Theaters in seinen religiösen Wurzeln verborgen sind, um Tobias Staab, den Dramaturgen dieser spannenden Produktion, zu zitieren. Da bleibt auch Kitsch nicht ausgespart: Parsifal, der neue Gralskönig, begibt sich auf Himmelfahrt, während sich sein Vorgänger, Amfortas, zum Sterben niederlegt. Totales Theater eben.
Bei der Wiener Premiere am 15. Juni 2026 überrascht vor allem die musikalische Seite. Gegen diese optische Reizüberflutung auf der Bühne können sich vor allem das höchst motiviert wie ambitioniert aufspielende ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung der aus einer MusikerInnenfamilie in Taipeh stammenden und in Wien aufgewachsenen, unter anderen bei Sir Donald Runnicles an der Deutschen Oper Berlin ausgebildeten Dirigentin Yi-Chen Lin ausgezeichnet behaupten. Lin am Pult setzt nämlich nicht auf Weihe und Getragenheit, sondern betont die modernen Aspekte der Wagnerschen Partitur, das sehr gut aufgestellte Orchester zieht bei ihrer frischen, zügigen Gangart, nur der zweite Aufzug ist höchst dramatisch, spannungsreich aufgeladen, bereitwillig mit, ohne Vernebelungstendenzen.
Exzellent ist im Grunde auch die Besetzung. Russell Braun stattet die Titelrolle zwischendurch mit richtig heldischen Tönen aus, Dshamilja Kaiser betört als großstimmige Kundry mit vollem, nur in der Höhe leicht grellem Mezzosopran. Noch einmal orgelt Kurt Rydl Titurel aus dem Off, Werner Van Mechelen ist ein beißend zynischer, gequälter, stimmstarker Klingsor. Sonorität, Würde und Erhabenheit verleiht Albert Dohmen Gurnemanz vor allem im dritten Akt, führt seine brüchig gewordene Stimme souverän durch alle Klippen. Als Amfortas gefällt Kartal Karagedik mit schön geführtem, schallenden, wohl timbrierten, beinahe sinnlichen Bariton.
Eine Extraleistung verzeichnet der von Juan Sebastian Acosta einstudierte Arnold Schoenberg Chor, der mystisch fließenden, differenzierten – fein subtilen wie imposanten Chorgesang – vernehmen lässt.
Ein fast schon obligates Buh für die Regie schmälert die lautstarke Zustimmung des Premierenpublikums nicht. Dem Intendanten der Wiener Festwochen, Milo Rau, ist nach dem berührend fulminanten THE TEMPEST von Robert Wilson ein zweiter Coup gelungen.