Zu Maestro Riccardo Muti haben die Wiener Philharmoniker eine besonders enge Verbindung. Seit 1971 dirigiert er das Orchester, besonders eingesetzt hat er sich auch immer für die von ihm überaus wertgeschätzten Kompositionen von Joseph Haydn. Das neunte Abonnementkonzert der Saison 2025/26 ist dann auch ein ganz besonderes: zum ersten Mal in der 174-jährigen Geschichte des Orchesters führt ein Dirigent in einem solchen ausschließlich Symphonien von diesem Komponisten auf, und zwar dessen letzten drei „Londoner“ Symphonien.
Auf dem Programm stehen vor der Pause die Symphonie Nr. 102 B-Dur Hob. I:102 und die Symphonie Nr. 103 Es-Dur Hob. I:103, Mit dem Paukenwirbel; nach der Pause dann noch die Symphonie Nr. 104 D-Dur Hob. I:104, Salomon.
Haydns letzte Symphonien sind großartige Meisterwerke, sie zeugen von Wachstum, Reife und Vollendung, daran lässt Riccardo Muti mit der freudig aufspielenden Formation, die fein geschmeidige Sinnlichkeit versprüht, nicht den geringsten Zweifel.
Dass Muti eine besondere Beziehung zu Joseph Haydn hat, merkt man in jedem Takt. Nichts ist bei seinem betont gesangvollem Musizieren dem Zufall überlassen, nichts klingt beiläufig oder zufällig, die Werke leuchten, erstrahlen in kostbarem, edlem philharmonischem Wohlklang an diesem Vormittag des 17. Mai 2026.
Langeweile kommt bei diesem Dirigat nie auf, jede der drei Symphonien steht unter gefühlter Hochspannung. Jede Phrase ist erfüllt, die Tempi gefühlvoll ausgewogen, prächtig dosiert, zügig, dennoch nie verhetzt, Mutis interpretatorische Gangart aber permanent deutlich akzentuiert.
Natürlich klingt bei seinem Wohlklang, den der Maestro immer anstrebt, nichts rau, harsch, scharf oder schneidend, Muti wird nie wie mit einem Reißbesen durch die Partitur fahren. Aber unter einer schimmernden Oberfläche reinsten philharmonischen Schönklanges brodelt es gewaltig, nehmen die Streichertremoli gewichtige Größe an: Ludwig van Beethoven ante portas – das vermittelt Muti kompromisslos.
Höhepunkte in diesem „Philharmonischen“, das einfach nur pure, erfüllte Freude beim Zuhören hinterlässt, anzuführen, ist schwer. Vielleicht die beiden langsamen Variationssätze von 103 und 104. Den harmonisch instrumentalen Zügen des Allegretto des erstgenannten Werkes versetzt Muti eine ungeheure Tiefe, reizt die Orchesterfarben bis zum Äußersten aus; die Ausbrüche des Andante des zweitgenannten Werkes gestaltet er mit ungeheurer Leidenschaft. Ganz stark auch die philharmonischen Soli – das Solocello in Nr. 102, die Pauke und die Solovioline in Nr. 103, die Holzbläser in Nr. 104.
Das Gefühl, dass in dieser philharmonischen Matinee die Sonne aufgegangen ist, begleitet einem noch lange nach Verlassen des Großen Saales des Wiener Musikvereins in einen etwas kühlen Mai-Nachmittag.