Markus Poschner, einer der vielseitigsten und am meisten beschäftigten Dirigenten unserer Tage (Chefdirigent beim Bruckner Orchester Linz und Generalmusikdirektor am Musiktheater Linz bis Ende 2026/27 sowie beim Sinfonieorchester Basel, designierter Chefdirigent beim ORF Radio-Symphonieorchester Wien ab 2026/27 sowie beim Utah Symphony Orchestra ab 2027/28), hat SIMPLY CLASSIC in seinem Büro im Musiktheater Linz ein Interview gegeben.
Utah Symphony ist ein erstklassiges Orchester, es gehört zu den Top-Ten in der amerikanischen Orchesterlandschaft, so Markus Poschner auf die Frage, was ihn bewegt, von der Donau in Linz in die Salzwüste nach Salt Lake City in Utah zu wechseln. Ich wechsle aber auch nach Wien zum ORF RSO, wo dann mein Lebensmittelpunkt sein wird, und dann habe ich ja auch noch mein Orchester in Basel. Amerika und Utah Symphony haben mich sehr inspiriert und herausgefordert: wir sehen ja alle, wohin das Land, die USA, abdriftet, was jetzt aber keine amerikanische Spezialität ist, sondern auf der ganzen Welt zu beobachten ist – Populismus, Radikalität, mit absurden Dingen, Polarisation, fragmentierter Gesellschaft. Dafür gibt es viele Gründe, aber auch viele Gründe, dagegenzuhalten, und mit einer solch‘ kraftvollen Kulturinstitution wie ein Orchester als Transportmittel mit Musik zur Seele der Menschen ist das möglich, hier etwas zu bewirken. Ein amerikanisches Orchester, das ja anders organisiert ist als ein europäisches, bringt aber auch mich als Mensch weiter. Drei Chefpositionen erhöhen jedenfalls den Organisationsbedarf, ich verfüge hier aber über hervorragende Unterstützung meiner Agenturen.
Markus Poschners gefeierte Einspielungen der Bruckner-Symphonien, erschienen beim Label NAXOS zum 200. Geburtstag Anton Bruckners 2024, vereinen sämtliche Fassungen aller Symphonien, die in der maßgeblichen Neuen Anton-Bruckner-Gesamtausgabe als signifikant überarbeitet und verändert gekennzeichnet sind, und spiegeln den neuesten Stand der Forschung und die aktuellsten editorischen Kriterien wider. Der Dirigent leitet dabei das Bruckner Orchester Linz und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien.
Selbtverständlich werde ich auch in Utah Anton Bruckner dirigieren, der in Amerika ebenfalls hochattraktiv ist, die Menschen sehnen sich förmlich nach dieser Erfahrung. Utah ist berühmt für seine Natur, für seine unglaublich dimensionierten National Parks. Die Nähe zur Natur gehört zur Identität der dortigen Menschen – und da ist natürlich Bruckner ein Name, der sofort fällt, weil er mit seiner Musik ja so ein expansives Gefühl vermittelt. Eine große Bruckner-Symphonie ist wie der Aufstieg auf einen Berggipfel, wenn man oben ankommt, geht die Sonne auf, da werden überwältigende Emotionen frei, die mit der Alltagssprache weder zu formulieren noch zu beschreiben sind. Diese Musik ist auch mit Begriffen nicht zu begreifen, immer wenn wir das versuchen, verstehen wir sie nicht, wir verstehen sie erst, wenn wir emotional, nicht intellektuell, ergriffen sind: erst dann sind wir bei uns, was einer archaischen Erfahrung über die Kunst gleichkommt, wenn wir über die Kunst eine Verbindung zu uns selbst finden.
Bei der Musik von Anton Bruckner verfolge ich einen betont forschen, zügigen Interpretationsansatz. Meine Vision war ein mannigfaltiger Zugang. Bruckner ist viel mehr als das Erhabene und das Spirituelle, sakral möchte ich gar nicht sagen. Das Überwältigende seiner Musik muss jedenfalls immer da sein, genauso wie die Dringlichkeit und Innigkeit dieser Musik. Was sind die Wurzeln seiner Musik? Eine fantastisch fundierte Volksmusik als einzige Konstante, was man gar nicht glauben möchte, und zwar die langsame, oberösterreichische, mit der böhmischen verwandte, Polka. Neben der Volksmusik war es die Wiener Klassik, Mozart, Beethoven, vor allem Schubert, die ihn beeinflusst hat. Das alles hat wiederum große Auswirkungen auf das Tempo, die Phrasierung, die Balance, überhaupt auf alle musikalischen Parameter. Seine Angaben lassen meinen Zugang auch zu, da war ich sehr penibel, wir haben gegen keine Anweisungen von ihm verstoßen, was der Urimpuls meiner Gesamtaufnahme aller Bruckner-Symphonien in sämtlichen existierenden Fassungen war. Dieses betont Tänzerische, Volksmusikhafte, ist sogar noch im Scherzo der IX. Symphonie vorhanden. Da hört man aber auch schon das Maschinenhafte, das Groteske, die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Industrialisierung. Und was man dabei nicht vergessen soll: Gustav Mahler war Student von Bruckner, hat dann dessen VI. Symphonie uraufgeführt, und führt die Groteske, die Parodie, die Karikatur, die Collage, die auch in Bruckners Musik enthalten sind, in extenso weiter. Ebenso verfügt Bruckners späte Musik über das Traumhafte, womit man nur das Wahrhafte erkennen kann, und das Surreale, was sich in jener Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts bereits breitzumachen begann. Bewusst habe ich keine vervollständigte Version des nur fragmentarisch erhaltenen Finales der IX. Symphonie eingespielt, obwohl es da faszinierende, gelungene Versuche gibt, zum Beispiel vom kürzlich verstorbenen Benjamin-Gunnar Cohrs. Auch Bruckner entlässt uns mit dem Schluss des Adagios der IX. Symphonie ins Nichts – wie zuvor Franz Schubert, mit dem ihn so viel verbindet, mit seiner VII. Symphonie, der „Unvollendeten“. Dieser Schluss des Adagios macht etwas mit uns: ein gangbarer Weg ist für mich, vor der – vollendet unvollendeten – Neunten sein „Te Deum“ zu spielen, oder „Lontano“ von György Ligeti, oder „L’Ascension“ von Olivier Messiaen.
Vorbilder, die mich geprägt haben, waren die Dirigenten Sir Roger Norrington und Sir Colin Davis, nach meinem Studium wichtige Inspirationsquellen, die gegensätzlicher nicht hätten sein können: diese ungeheure Spannweite zwischen den beiden kann man sich ja kaum vorstellen. Auf der anderen Seite treffen sich die beiden auf ganz wunderliche Art und Weise, weil beide Persönlichkeiten unglaubliche „Bauchmusiker“ mit einer untrüglichen Intuition waren. Bei Norrington, im Grunde ein Wissenschaftler mit Herz und Verstand, habe ich bei allen Beethoven-Symphonien assistiert, bei ihm war unbedingtes „non vibrato“ ein Dogma. Bei Davis habe ich die drei Da Ponte-Opern und „Die Zauberflöte“ von Mozart assistiert, der hat die Dinge ganz anders gemacht, aber ungemein stimmig, ein schwebend zupackender Mozart, ebenso überzeugend, der war ganz zu Hause bei sich. Bei Davis habe ich große, berührende Abende wie bei kaum einem anderen je zuvor erlebt, obwohl ich ihn nie hätte kopieren können, weil seine Art weder meine Tempi noch mein Zugriff gewesen wären.
Wirklich entdeckt habe ich für mich jetzt Leos Janàcek. Ich habe zwar hin und wieder die „Sinfonietta“ dirigiert, nie aber Opernrepertoire. Voriges Jahr habe ich hier am Musiktheater Linz „Das schlaue Füchslein“ dirigiert, jetzt „Katja Kabanova“. Janàcek ist ein völlig eigener Planet, der die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg widerspiegelt, der in den 1920er Jahren zu unfassbarer Form und Größe aufläuft, und das alles in seinem Brünn in Mähren, in seinem Haus, in der Natur. Alptraumhafte, kafkaeske Momente, mit der Sprachrhythmik, mit der Sprachmelodik arbeitend, in seiner Musik dominiert das Prozesshafte. Slawische Musik mit ungeheurer Melancholie, keine Arien, mit völlig aufgelöster Struktur, die Struktur ergibt sich horizontal statt vertikal, es gibt keine Einteilung mehr, ungemein direkt, in den Keller der seelischen Abgründe führend. Für diese Werke, obwohl sie nicht lang sind, braucht man Zeit, man kann sie nicht en passant konsumieren, das sind hochkomplexe Werke, die man oft hören muss, um deren Tiefe zu verstehen, auch um sie überhaupt ausloten zu können. Die Protagonistin in „Katja Kabanova“ beispielsweise ist eine sehr starke Frau, die an ihrem eigenen Gesellschaftsdrang scheitert, sich nicht durchsetzen kann gegenüber ihrer eigenen Erziehung und ihrer Erwartungshaltung der Gesellschaft an sie. Und dann bricht ein subtiler Sturm über sie herein – das ist unglaublich stark. Die Polyrhythmik und Polytonalität der Musik Janàceks sind auch für das Orchester sehr schwierig, eine ungemeine Herausforderung, zerfetzte Harmonien, zwischendurch immer wieder lyrische Ruhepole, wo alles versinkt, ganz bei sich ist: Janàceks unglaublicher Kosmos an Eruptionen und Emotionen bietet uns ein Delta an Möglichkeiten, einen eigenen Zugang zu finden.
Junge Leute heute an klassische Musik heranzuführen, sie dafür zu begeistern? Durch Zugang, durch Nähe, wir müssen ihnen die Hürden in jeder Beziehung erfindungsreich und variabel abbauen. Alle bemühen sich heute sehr, junge Leute ins Konzert zu holen, dabei geht es sehr stark um Art und Weise und Format des Angebots. Das althergebrachte Konzert in seiner Form ist zwar großartig und funktioniert, man muss hier jedoch mannigfaltiger sein, fantasievoller sein, Zwischenstufen einbauen. Wir müssen klarmachen, dass Musik nicht nur Unterhaltung ist, sondern auch das eigene Leben verändern kann, mit Musik wird der Urgrund unseres Seins widergespiegelt, in diesen Kunstwerken kann ich mich selbst sehen, das müssen wir vermitteln, dass ich mich verändern, verstehen und erkennen kann. Musik hat etwas mit unserem Leben zu tun und ist nicht nur eine Oberfläche, die mich nur ablenkt. Das Geheimnisvolle, die Stärke von Meisterwerken aus verschiedenen Jahrhunderten ist immer behaftet von großer Nähe zu unserem Leben: dabei wird unser Dasein verhandelt, unsere innersten Gefühle im Individuellen – Sehnsucht, Liebe, Enttäuschung, Hass – werden hinterfragt. Zwei Dinge muss man da mitbringen: Zeit und offene Ohren. Musik ist keine Geheimwissenschaft, man muss auch nicht Noten lesen können, man muss sich nur darauf einlassen und vielleicht sogar ein zweites oder drittes Mal. Wir MusikerInnen können helfen, dieses Fenster zu öffnen. Mein Angebot ist – ich kann Euch die Tür aufsperren: ob, wann, und wie Ihr da durchgeht, müsst Ihr selbst wissen. Unsere vorrangige Verantwortung ist, diesen Schlüssel gerade der jungen Generation in die Hand zu drücken. Diesen Kulturpessimismus, dass da kein Interesse ist, teile ich nicht. Ganz im Gegenteil habe ich Erfahrungen gemacht, viel Aufgeschlossenheit erlebt, auch TeenagerInnen, die auch voller Interesse und Emotionsdurst auf zeitgenössische Musik aufspringen. Mahlers, Beethovens, Bachs, Boulez‘ Musik, beispielsweise, wird nie ihre Kraft verlieren. Auf junge Leute muss man mit der Musik zugehen und sie abholen, ihnen nicht nur etwas vorsetzen.
„Musik ist eine heilige Kunst“? Ja – in jedem Fall im Sinne des Unsichtbaren, des Geheimnisvollen, des Unaussprechlichen. Wir sind nicht das, was wir sehen, denken und wissen, kein Produkt unseres Intellekts, sondern wir sind vor allem das, was wir fühlen, das ist unsere Identität. Wir müssen in unser eigenes Inneres schauen, wobei uns die Musik sehr helfen kann. Wir brauchen das Gegenüber, die Gemeinschaft, Bestätigung, Liebe, Wärme, Zuneigung – und die Sprache dieser Welt ist die Musik, die direkt ins Herz geht ohne Umleitung über den Verstand. Hören ist ein nicht verschließbarer Sinn, er steht direkt mit unserem Inneren in Verbindung. Insofern ist das Heilige das Schützenswerte und deshalb ein ganz wichtiger Punkt unserer Identität. Man müsste Hofmannsthals Ausspruch heute vielleicht nur etwas anders formulieren, weil das Wort „heilig“ meiner Meinung nach ganzheitlich zu denken ist.