Deutsche Symphonik und russisches Ballett – Sir Simon Rattle mit dem BRSO im Wiener Musikverein

Sir Simon Rattle, eben mit dem Maximiliansorden ausgezeichnet, zu Gast mit dem BRSO im Wiener Musikverein © Astrid Ackermann

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem Chefdirigenten seit der Saison 2023/24, Sir Simon Rattle, der am 7. Mai 2026 vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder den Maximiliansorden – die höchste Auszeichnung für Kunst in Bayern – bekommen hat, hat am 13. Mai 2026 im Großen Saal des Wiener Musikvereins ein kontrastreiches Programm auf den Notenpulten liegen: eine Symphonie der deutschen Romantik im ersten Teil und russische Ballettmusik im zweiten Teil. In seiner Dankesrede anlässlich dieser Auszeichnung bezeichnete sich der sehr bewegte Rattle als „Dirigent DES besten Orchesters der Welt“ – und nach diesem fulminanten Konzert kann man guten Gewissens behaupten, dass die Formation uneingeschränkt zu den weltbesten Orchestern zu zählen ist.

In der 1845/46 entstandene Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61 von Robert Schumann wird bereits die lähmende Krankheit des Komponisten spürbar, Geniales und gleichsam Erschütterndes wohnen diesem Werk inne. Sir Simon Rattle setzt mit seiner Interpretation ganz auf permanent vorwärtsdrängende Erregtheit, der er eine ungeheure Spannung beimischt, mit solch‘ forschem Drive musiziert, hört man diese Komposition selten. Lärmende Fröhlichkeit wie zu Herzen gehende Musik grenzt er deutlich akzentuiert voneinander ab, Schumanns Verfallsanzeichen treten derart deutlich krass in Erscheinung, das Orchester musiziert bereits im ersten Teil des Konzertes mit höchster Aufmerksamkeit und Intensität auf den Stuhlkanten sitzend. Publikumsjubel bereits vor der Pause.

Nach der Pause tritt das groß besetzte, in allen Instrumentengruppen einfach blendend disponierte Orchester dann zur Wiedergabe von „Der Feuervogel“, Ballett in zwei Bildern nach einem russischen Volksmärchen von Michail Fokine, an. Fand die Musik dieses Balletts – einerseits noch unter dem Einfluss von Nikolai Rimski-Korsakoff stehend, andererseits bereits vom Impressionismus geprägt – seit ihrer Kreation durch die von Sergei Djagilev gegründeten Balletts Russes vor allem in Gestalt dreier Orchestersuiten aus den Jahren 1911, 1919 und 1945 eine unvermindert andauernde Verbreitung, steht an diesem Abend im Musikverein die ganze Ballettmusik auf dem Programm. Die Aufführung gerät denn auch zum Ohrenschmaus allererster Güte. Rattle und seine mit außerordentlicher Orchesterkultur spielende Formation lassen die ganze rauschhafte Sinnlichkeit, funkelnde Farbigkeit und gleißende Leuchtkraft dieser als Strawinskys wohl erfolgreichste Komposition überhaupt geltenden Stückes prächtig erstrahlen, sodass das Zuhören zur reinsten Freude gerät. Subtilste, feinste Orchesterlyrik, niemals sentimental, steht neben markig harschen Entladungen, niemals platt brutal. Sämtliche Soli geraten grandios, herauszuheben davon noch die betörend berückende Solooboe. Sir Simon und „sein“ Orchester sind bereits ganz eins geworden, diese Partnerschaft wird Musikfreunden im München und der ganzen Welt noch viel Freude bereiten. Zum Schluss tosender Applaus im Musikverein.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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