Sebastian Weigle, der Bayerischen Staatsoper seit seinem Debüt 2014 verbunden, kehrt ans Nationaltheater zurück, um dreimal Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ zu dirigieren. Weigle liebt einen großen, mächtigen Klang. Geraten das Vorspiel und der erste Akt trotz durchaus flüssiger Tempi noch etwas spannungsarm, findet er mit dem am 11. April 2026 in allen Instrumentengruppen hervorragend aufgestellten Bayerischen Staatsorchester im zweiten Akt zu immenser Dramatik. Exzellent klingt dann der dritte Akt aus dem Graben: Wagners großartige Musik leuchtet in wunderbaren Orchesterfarben, groß lässt Weigle das Werk am Schluss dann ausfluten.
Und dass dieses wunden- wundervolle Werk an diesem Abend nicht nur im Orchestergraben mehr und mehr, sondern auch – und vor allem – auf der Bühne überzeugt, dafür sorgt eine homogene, sehr gute Besetzung. Differenziert, prächtig klingen die von Christoph Heil bestens präparierten Chöre, stimmlich gut disponiert sind Ritter, Knappen und Blumenmädchen. Warum Bàlint Szabò seinen imposanten Titurel aus dem Bühnenoff orgeln muss, kann wohl nur die Regie beantworten. Josef Wagner gibt einen präsenten, gequält zynischen Klingsor. Kundry ist eine Hochdramatische: Anja Kampe hat alle Töne für diese extrovertiert komplexe Partie, mit breiter Mittellage ausstaffiert, machen ihr auch die tiefen Töne keine Probleme. Die Verführerin ist sie nicht, vermag eher mit furioser Dämonie gleich einer Ortrud zu punkten. Eine uneingeschränkt ausgezeichnete Gesangsleistung erbringt auch Christof Fischesser als Gurnemanz, der die lange Partie weder balsamisch weich abschattiert noch altväterlich behutsam anlegt, sondern mit körnig kräftigem, ausdrucksstarkem Bass gesangvoll, souverän und gehaltvoll interpretiert. Clay Hilley singt die Titelpartie und wirkt stark bereits im ersten Akt. Mit hellem, sehr gut fokussiertem Tenor singt er einen enorm heftigen zweiten Akt und hat auch noch die Reserven für die Ausbrüche im dritten Akt sowie für seinen letzten Auftritt, den er mit dem von Wagner gefordertem dimininuendo auf „Öffnet den Schrein!“ krönt. Hervorragend gerät auch die Textgestaltung des US-Amerikaners. Die Krone dieses stimmlich starken Abends gebührt aber Peter Mattei als Amfortas. Mit der Diktion eines großartigen Liedsängers gestaltet er diese Partie vollendet, wobei er jedes Wort bei unterschiedlichsten Schattierungen hochzentriert artikuliert. Dieser ausgewiesen stimmschöne Schmerzensmann verfügt auch über einen geschmeidigen wie gleichsam ungemein starken Bariton, der, bestens fokussiert, Gänsehauteffekte in seinen Ausbrüchen evoziert wie mit perfektem Legatosingen in den flehenden Passagen beeindruckt.
Für die Kreation des Bühnenbildes konnte noch in der Ära von Nikoluas Bachler der bildnerische Künstler Gerd Baselitz an das Münchner Nationaltheater geholt werden, welches beinahe zur Gänze in schwarz-weißen Farben gehalten ist. Im ersten Akt sehen wir einen dunklen Wald, dessen Tannen an verkohlte Stämme nach einer Natur- oder Atomkatastrohe erinnern. Das Innere einer Gralsburg fehlt. Klingsors Burg im zweiten Akt ist auf ein riesiges Tuch gemalt, in dem sich ein vaginaähnlicher Spalt beim Auftritt der Blumenmädchen öffnet. Im dritten Akt bleibt Baselitz naturgemäß sich selbst treu: Die Dekoration des ersten Aktes ist einfach auf den Kopf gestellt, durch famos leuchtendes, rötlich violettes Licht schafft Urs Schönebaum die Vision einer am Karfreitag blühenden Blumenwiese. In einer Reduktion auf das Wesentliche hat sich Regisseur Pierre Audi mit seiner Inszenierung ganz dem großen Künstler Baselitz untergeordnet. Mitunter würde man sich ein wenig mehr an Personenregie und Personenführung wünschen, doch wird das Stück klar und deutlich erzählt. Unfreiwillig komisch wirken nur hin und wieder die Kostüme (Florence von Gerken), wenn sich die Gralsritter beispielsweise in der ersten Gralsszene ihrer Kleider entledigen und als korpulente alte Männer im Stoff-Adamskostüm auf der Bühne stehen. Auch die Blumenmädchen entblößen sich im zweiten Akt als beleibte alte Frauen, was der Szene jegliche Erotik nimmt. Die an abgelegenes Fleisch erinnernden Kostüme mit hängenden Körperteilen wirken peinlich und skurril: Hier hätte ein Regisseur doch korrigierend eingreifen müssen. Der Gral selbst ist im ersten Akt nur ein blutendes Herz in Händen Amfortas‘, im dritten Akt versammeln sich Parsifal und die Gralsritter bei der Gralsenthüllung zum Gebet, Amfortas und Kundry können erlöst sterben. Im Zentrum der Regie steht der Erlösungsgedanke: selten wird so klar, dass auch der Erlöser der Erlösung bedarf. Und bei den Einwänden, die man gegen diese statische, oft auf Rampensingen heruntergebrochene Regiearbeit erheben muss, ist es doch eine Wohltat, Wagner einmal ohne unterstützende Videos bzw. Choreografie pur mit großem Orchesterklang und starken Stimmen zu erleben. Alle Ausführenden werden vom Publikum nach der Vorstellung zu Recht lautstark bejubelt.