Ereignisreiches Musiktheater bei den Osterfestspielen Salzburg: DAS RHEINGOLD zum Auftakt eines neuen RING DES NIBELUNGEN

Die Luftbrücke hat sich zum Ring geschlossen: DAS RHEINGOLD in der Felsenreitschule bei den Osterfestspielen Salzburg 2026 © Thomas Rauchenwald

Der Intendant der Osterfestspiele Salzburg, Nikolaus Bachler, darf mehr als zufrieden sein. Sein bemerkenswerter Coup, die Rückkehr der Berliner Philharmoniker als Residenzorchester unter ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko an die Salzach, ist mehr als gelungen – ebenso der Start eines neuen RING DES NIBELUNGEN von Richard Wagner mit dem Vorabend DAS RHEINGOLD.

Die uneingeschränkten Stars, auch in der dritten Vorstellung am Ostermontag, den 6. April 2026, sind Dirigent und Orchester. Machtvolle Klangentfaltungen dominieren da vor allem in den rein orchestralen Abschnitten, ansonsten ist Wagners Partitur für ihn eher ein lyrischer Kosmos, niemals zäher Klang: Kirill Petrenko beruft sich auf den Komponisten selbst, demzufolge im Wesentlichen das Orchester die SängerInnen tragen muss wie der Ozean einen kleinen Nachen. Irgendwie schafft er mit der in allen Gruppen einfach nur blendend disponierten Formation, ein kleiner Gickser in den Hörnern ist nur allzu menschlich bei dieser orchestralen Perfektion, so etwas wie die Quadratur des Kreises: bei flüssig zügigen Tempi – das RHEINGOLD dauert exakt zwei Stunden und 16 Minuten, eine derart schnelle Gangart kommt in der Regel spannungsarm daher – erzeugt er von Beginn an einen ungeheuer dramatischen Spannungsbogen, den er von Szene zu Szene steigert und bis zum Schluss souverän gestaltet und halten kann, kulminierend im strahlend musizierten Einzug der Götter in Walhall. Petrenkos Deutung verfügt über so etwas wie energiegeladene, sportliche Eleganz; bravourös inszeniert er die Farbnuancen der Musik, baut jede Szene kraftvoll auf, seine Interpretation fasziniert in ihrer vielschichtigen Transparenz, in ihrer aufgehellten Klarheit, in ihrer klanglichen Virtuosität. Es herrscht eine Kantabilität bei Wagner ohnegleichen, die instrumentale Schönheit kann sich vollends entfalten. Man hat den Eindruck, Petrenko und sein spielfreudiges Orchester sind ausgerückt, um jeden Winkel der Partitur zu röntgenisieren, zu durchleuchten, den glänzend schillernden Klangfarben auf den Grund zu gehen. Und dabei geht niemals die theatralisch dramatische Substanz verloren. Die Lust am gemeinsamen Musizieren dieser großartigen Musik ist permanent spürbar, und immer agiert die Formation virtuos, präzise, mit glanzvollem Orchesterspiel, an so einem Abend das wahrscheinlich beste der Welt: ein Ereignis, was da aus dem Graben tönt. Der Kreis schließt sich: seit Herbert von Karajan hat kein Dirigent mehr derartiges Wagnersches Klangtheater mit diesem Orchester, das seine fulminante einstige Strahlkraft wiedergewonnen hat, inszeniert wie Petrenko.

Um diesen Stil zu verwirklichen, benötigt Petrenko auch ein Ensemble von SängerInnen, das seiner lyrischen Grundkonzeption in Richtung eines Wagnerschen Belcanto entspricht. Die Osterfestspiele haben um Göttervater Wotan, verkörpert von Christian Gerhaher, ein überwiegend junges Ensemble zusammengestellt, das dieses Ideal meisterhaft umzusetzen imstande ist, und bei diesem differenzierten Rausch an Farben und Emotionen aus dem Graben immer hörbar bleibt.

Gerhaher, ein Liederfürst allerersten Ranges, hat sich die Rolle des Göttervaters Phrase für Phrase aus dem Text heraus erarbeitet und lässt eine plastisch greifbare, ergreifende Figur entstehen. Vom schlanken Orchesterklang Petrenkos auf Händen getragen, ist sein Wotan stimmlich stets ungemein präsent, nachvollziehbar von Beginn an ein in seinen Verträgen gefangener Neurotiker, der seinem Ende entgegengeht, ein Ereignis auch er. Sein heller Bariton ist bestens fokussiert, wird hervorragend geführt, die Tiefen ringt er sich beeindruckend ab, schafft Sonorität, wo nötig; Artikulation und Diktion sind wie gewohnt überragend. Mit Stimmvolumen und Organwucht treten nur die beiden Riesen heraus: Le Bu als im Grunde berührender Fasolt, Patrick Guetti als imposanter Fafner. Alle SängerInnen verblüffen durch hervorragende Textverständlichkeit und intensive Rollengestaltung, expliziten Schöngesang eingeschlossen. Das gilt für die drei Rheintöchter – Louise Foor (Woglinde), Yajie Zhang (Wellgunde), Jess Dandy (Flosshilde) – ebenso wie für Catriona Morison (Fricka), Sarah Brady (Freia), Gihoon Kim (Donner), Thomas Atkins (Froh) und Thomas Cilluffo (Mime). Von mahnend sattem Alt geprägt ist der kurze Auftritt von Jasmin White als Erda. Hervoragende Rollenporträts vermitteln mit geschmeidigem, wohlklingenden, deshalb umso hinterhältiger klingenden Tenor Brenton Ryan als Loge und Leigh Melrose mit prägnant markantem Bariton als am Ende gepeinigter Alberich.

Was die Szene betrifft, entfaltet sich in der Felsenreitschule Mythologie – diese aber nicht nur auf die nordische beschränkt, beinhaltend auch Elemente aus den Mysterien von Eleusis, ebenso das antike griechische Drama und Priesterrituale – wie folkloristisches Welttheater in verschiedenen Facetten, wobei die Archaik des Raumes vollends in die Inszenierung eingebunden ist. Regisseur Kirill Serebrennikov, verantwortlich für Inszenierung und Ausstattung, und Dramaturg Daniil Orlov entführen die ZuschauerInnen zu Beginn der Tetralogie in eine apokalyptische Welt.

Serebrennikov ist für Bachler der „vielleicht musikalischte und zugleich einer der ideenreichsten, originellsten und kompromisslosesten Operndeuter der Gegenwart“, die Osterfestspiele zeigen mit seiner Regiearbeit „eine Inszenierung, die den Gefährdungen der Schönheit unserer Erde nachspürt“.  Die Perspektive von Wagners Tetralogie mit dem Konflikt zwischen Macht und Liebe im Zentrum erweitert er über den europäischen Kontinent hinaus: der Vorabend spielt in verödeten, eisbedeckten Landstrichen Afrikas, das Rheingold selbst ist hier ein großer, lebens-, weil flüssigkeitsspendender Eisblock.

Bewegliche Leinwände schweben über der Bühne. Der Regisseur begreift den Ring-Zyklus auch als Kino-Epos: Video-Projektionen (Yurii Karikh) zeigen einen unbekleideten Mann mit verzerrtem Gesicht, der durch eine isländische Landschaft rennt, allein in diesen unendlichen Weiten wilder Natur, unschwer als Nibelung Alberich erkennbar. Feurige Lava, klirrendes Eis, wilde Stromlandschaften im Gegenlicht, Gletscher, Geröll und Schlamm auf großen Projektionen fluten nahezu den Zuschauerraum.

Auf der Bühne der Felsenreitschule, die Sergey Kucher in plastisch stimmiges, bisweilen magisches Licht taucht, ist aber eine gänzlich andere Welt zu sehen: Afrika, von Permafrost bedeckt, mit einer verlorenen Menschheit. Ein Bewegungschor aus Darstellern und Performern ergänzt die Sängerdarsteller auf der Bühne: die Truppe stellt die Nibelungen dar, den Riesenwurm, in den sich Alberich in Nibelheim verwandelt, den Goldschatz des Nibelungen. Zu sehen sind auch ein fahrbares, buntes Zelt, schwarzafrikanische Holzplastiken wie traditionelle Tänze aus dem Kongo gepaart mit Breakdance-Performances. Serebrennikov gelingt das Kunststück, dass diese Elemente aber weder verfremdend noch dekonstruktiv wirken, wie es sonst bei mit Tanz gepaartem, aufgepeppten Musiktheater, das dann nur noch belanglos platt wirkt, die Regel darstellt.

Auch wenn man nicht alles in dieser bewegungsreichen wie bildgewaltigen Inszenierung begreifen, erfassen kann, bleiben eindrucksvolle Bilder, großem Kino gleich, wenn sich zum Beispiel am Schluss des Vorabends die Luftbrücke in die Götterburg zu einem Luftring zusammenschließt.

Ein Glücksfall dieser spielfreudig wie dekorativen Inszenierung ist der Umstand, dass Serebrennikovs Sicht auf Wagners Nibelungenepos in keiner eindeutig historischen Zeit verankert ist einen konsequent unpolitischen Ansatz verfolgt. Deutlich herausgearbeitet werden in dieser Regiearbeit mit ihren allgemeingültigen, überkulturellen Bildern die dunkleren Seiten der menschlichen Natur, die für den Regisseur „tiefer, älter und mysteriöser als die hellen“ sind, nicht etwa ethnische Konflikte. Favorit für Serebrennikov ist nicht der bereits im Vorabend seinen Untergang  entgegengehende Göttervater der „Lichtalben“, Wotan, sondern die komplexe Figur des Herrschers der „Schwarzalben“, des Nibelungenfürsten Alberich. Personenregie und Personenführung, unterstützt von einer großartigen, weil aus Musik und Text entwickelten Bewegungschoreografie, geraten superb, ungemein subtil, psychologisierend, die Beziehungen der handelnden Personen ungemein klar herausarbeitend. die komplexe Handlung unterstützend. Zum ersten Mal auf der schwer zu bespielenden, großen, überbreiten Bühne der Felsenreitschule – weil ohne Drehbühne und ohne Schnürboden – arbeitend, meistert er deren Dimensionen und Herausforderungen beeindruckend. Man darf heute schon gespannt sein, wie es nächstes Jahr, zu Ostern 2027, zur Feier des 60-jährigen Bestehens dieses besonderen Festivals, mit dem ersten Tag von Wagners gewaltiger Tetralogie weitergeht.

Lautstarker Publikumsjubel beendet am Ostermontag die diesjährigen Osterfestspiele Salzburg in der Felsenreitschule.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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