DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN von Leos Janàcek – musikalisch und szenisch exzellent an der Berliner Staatsoper Unter den Linden

Sir Simon Rattle inmitten der SängerInnen nach DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN an der Berliner Lindenoper © Thomas Rauchenwald

Ein mährischer Sommernachtstraum, der Kreislauf des Lebens und der unbezähmbaren Natur mit ihren eigenen Gesetzen von Leben, Lieben und Sterben, eine philosophische Meditation über Vergänglichkeit und Neubeginn – alles das und noch viel mehr ist DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN, die 1924 entstandene Oper in drei Akten mit Musik und Text von Leos Janàcek nach der Novelle von Rudolf Tesnohlidek. Das Stück beschließt den 2011 an der Staatsoper Berlin begonnenen Janàcek-Zyklus und wird dabei zum ersten Mal überhaupt an diesem Haus gespielt.

Eines ist das tiefgründig dichte Werk jedoch keineswegs: eine Kinderoper – und glücklicherweise inszeniert Regisseur Ted Huffman, seit 2026 neuer Intendant des Festival d’Aix-en-Provence, das Werk auch nicht als solche. Ganz aus der ergreifenden Musik Janàceks heraus entwickelt er seine Regiearbeit, die, obwohl abstrakt, von Beginn an in ihren Bann zieht und ungemein bewegend, ja berührend gerät. In einem weißen, dreidimensionalen Raum, beinahe ohne Requisiten auskommend, erzählt er die Geschichte – Personenregie und Personenführung geraten äußerst subtil, psychologisch fundiert, die Beziehungen der handelnden Personen klar herausstellend. Die Menschen- und die Tierwelt gehen bei Huffmann immer wieder ineinander über, Spiel- und Denkräume tun sich da auf: dass diese Oper zwischen Tierfabel und Lebensphilosophie changiert, wird selten so klar und deutlich wie in dieser durch und durch überzeugenden, obwohl auch die drastischen Abgründe bezogen auf Erotik und Sexualität nicht aussparend, niemals geschmacklosen oder platt trivialen Umsetzung. Assistiert haben Huffmann Nadja Sofie Eller (Bühne), Astrid Klein (Kostüme), Bertrand Couderc (Licht) und Pim Veulings (Choreografie), die eine von Artistik und Poesie geprägte Welt schaffen. Ein Bestandteil der Werkgestalt ist auch ein Verschwimmen von Traum und Realität sowie ein Hin- und Hergleiten zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen: auch diesen wesentlichen Aspekt des Stückes spart Huffman nicht aus, verstärkt ihn sogar durch bewegungsreiche, ungemein plastische Bilder. Starke Wirkung erzeugt auch ein grüner, die einzelnen Szenen voneinander abtrennender, grüner Vorhang, der einen effektreichen Kontrast zum dahinterliegenden, gleißend weißen Raum bildet. Huffmann spart auch einen traurigen Blick auf die Tragik der Figuren Pfarrer und Schulmeister nicht aus, für die Dramaturgie sind Detlef Giese und Elisabeth Kühne verantwortlich.

Und auch was die musikalische Seite dieser Neuproduktion betrifft, geht es hoch her an der Berliner Lindenoper. Wie bei allen anderen Janàcek-Premieren zuvor, steht auch dieses Mal wieder Sir Simon Rattle, ein ausgewiesener Kenner und Experte, was die Musik von Leos Janàcek betrifft, am Pult der Staatskapelle Berlin, und findet mit dem groß aufspielenden, sehr gut disponierten Orchester auch in der Vorstellung am 7. März 2026 zu einer großartigen Interpretation, hört man die Orchestrierung doch selten so berückend schön und vielfältig wie an diesem Abend. Die Musik in ihrer ganzen Schönheit und bisweilen fließenden Trauer strömt ungemein warm in den Raum der Lindenoper, auch ihre rhythmische Präzision und vielschichtige Harmonik kommen vollendet zur Geltung, man kann nur sagen „Janàcek at his best“.

Als ein Glücksfall erweist sich auch die Besetzung. Vera Lotte-Boecker mit sinnlich silbrigem Sopran als liebreizendes, dennoch verführerisches Füchslein Schlaukopf, stimmlich wie darstellerisch, und Magdalena Kozena ebenso als Fuchs mit hellem Mezzosopran begeistern, ja berühren in ihren Rollen. Die heimliche Hauptrolle des Försters wird von Svatopluk Sem mit saftig großer Stimme baritonstark ausstaffiert. Hervorragend besetzt sind auch alle Nebenrollen: Natalia Skrycka (Försterin, Eule), Florian Hoffmann (Schulmeister, Mücke), David Ostrek (Pfarrer, Dachs), Charles Pachon (Harasta), Anna Samuil (Hahn), Adriane Queiroz (Frau Pasek, Schopfhenne), Sandra Laagus (Dackel, Specht), Sonja Herranen (Eichelhäher) und Junho Hwang (Gastwirt Pasek), die drei Letztgenannten sind Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden. Die kleinen Rollen (Frosch, Grille, Heuschrecke, junges Füchslein, erstes Fuchskind, Frantik und Pepik) sind allesamt reizend besetzt mit Mitgliedern des Kinderchores der Staatsoper Unter den Linden. Staatsopernchor und Kinderchor der Staatsoper sind bestens präpariert von Dani Juris.

Völlig zu Recht enthusiastischer Applaus vom Publikum. Sehr zu empfehlen nach der Vorstellung auch die kundig kompetente Nach(t)führung von Kay Keßner.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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