Anlässlich des Jahrestages der Uraufführung am 14. Dezember 1925 spielt die Berliner Staatsoper eine Serie WOZZECK, der Oper in drei Akten mit fünfzehn Szenen mit der Musik von Alban Berg und dem Text vom Komponisten nach Georg Büchners Dramenfragment WOYZECK.
Das expressionistische Meisterwerk, eine der zentralen Opern des 20. Jahrhunderts, gilt als eine Ikone der „Weimarer Kultur“ und ist an der Lindenoper Chefsache: Christian Thielemann steht auch in der letzten Aufführung am 4. Januar 2026 am Pult der groß besetzten Staatskapelle Berlin. Unter seiner an gestalterischen Impulsen überreichen musikalischen Leitung entfaltet das Werk seinen ganzen sinnlichen Glanz, man kann von einem organisch natürlichen Fließen sprechen, voller luzider Transparenz, was da in ungefähr 100 Minuten Spieldauer zu erleben ist. Wie der Uraufführungsdirigent Erich Kleiber setzt Thielemann auf eher rasche Tempi, vernachlässigt aber dabei auch nicht den großen, dunkel erdigen Klang der in allen Instrumentengruppen hervorragend aufgestellten Staatskapelle. Haupt- und Nebenstimmen sind perfekt austariert, die Singstimmen vollkommen in den Orchesterklang eingebettet, dabei alle immer höchst präsent. Das komprimierte, substanzreiche Werk wird in allen seinen bewegenden Abgründen erfasst. Ungemein plastisch musiziert der Dirigent dieses großartige, fesselnde Meisterwerk, Seelenlage wie Existenz des Protagonisten einfach ergreifend und bewegend mit seinem Orchester hörbar machend.
Ein gebrochener, geschundener Mensch, eine gequälte, erniedrigte Kreatur, die von seiner Umwelt zum Mörder werdend in den Selbstmord getrieben wird – die schauerliche Handlung wird von der Regisseurin Andrea Breth abgründig in Szene gesetzt, mit musiktheatralischer Pranke ganz aus Musik und Text entwickelt, mit psychologisch fundierter Personenführung wie Personenregie versehen. In knappen, engen Räumen gibt sie mit ihrer Inszenierung den Blick frei auf die arme, immer am Rande des Abgrunds schwebende, von Wahnvorstellungen geprägte Seele Wozzecks. Angst und Beklemmung, genau dem grausamen Stück entsprechend, dominieren in dieser Regiearbeit vom Anfang bis zum Ende. Unterstützt wird die Regisseurin, deren Inszenierung bereits 2011 zur Premiere kam und nun von Caroline Staunton szenisch einstudiert wurde, von Martin Zehetgruber (Bühne), Silke Willrett und Marc Weeger (Kostüme) sowie Olaf Freese, dessen bisweilen kaltes Licht völlig desolate Seelenräume imaginiert.
Was die Sänger:innen anbelangt, ist eine großartige Besetzung für dieses Werk zu erleben. Die geschundene Kreatur Wozzeck ist Simon Keenlyside, meisterhaft in Textbehandlung, beklemmend im Ausdruck mit prägnantem Bariton, bisweilen Gänsehaut verursachend. Großstimmig prall mit hochdramatischer Sopranstimme gibt Anja Kampe Marie, den Testosteronprotz eines Tambourmajors verkörpert Andreas Schager mit enorm durchschlagskräftigem Heldentenor, es hätte den gorillaartigen Body von einem Kostüm dazu nicht bedurft. Niederträchtige Charakterstudien liefern Wolfgang Ablinger-Sperrhacke mit beißendem Charaktertenor als Hauptmann und Stephen Milling mit starkem Bass als Doktor. Sehr gut ergänzen die Besetzung Florian Hoffmann (Andres) und Anna Kissjudit (Margret), daneben sind noch Friedrich Hamel und Dionysios Avgerinos als Handwerksburschen, Stephan Rügamer als Narr und Soongoo Lee als Soldat aufgeboten, Mariens Knabe ist Jacob Tougas Gigling, ein Solist des Kinderchors der Staatsoper Unter den Linden. Staatsopernchor und Kinderchor der Staatsoper wurden von Dani Juris einstudiert.
Am Ende zu Recht lautstarker, heftiger Jubel für alle Beteiligten.