Anlässlich des Jahrestages der Uraufführung am 14. Dezember 1925 in Berlin spielt auch die Oper Graz in der laufenden Saison ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts – WOZZECK, Oper in drei Akten mit fünfzehn Szenen mit der Musik von Alban Berg und dem Text vom Komponisten nach Georg Büchners Dramenfragment WOYZECK.
Die Neuproduktion kam am 13. Februar 2026 zur Premiere und ist musikalisch natürlich auch in Graz Chefsache: Vassilis Christopoulos steht am Pult der Grazer Philharmoniker und gerät auch die besuchte fünfte Aufführung am 13. März 2026 unter seiner Stabführung ausgezeichnet. Das Orchester wächst über sich hinaus, spielt ganz hervorragend, außerordentlich. Christopoulos ist ein exzellenter Sachwalter der klassischen Moderne, entfaltet den ganzen Raum dieser komplexen Partitur, lässt sie in ihrer ganzen Sinnlichkeit blühen. Die extremen Klangfarben lotet er aus, vom elegischen Lyrismus bis zu eruptiv brutalen Ausbrüchen. Aus der Sängerbesetzung ragt einsam Daniel Schmutzhard in der Titelpartie heraus, die er vielschichtig gestaltet, mit kräftigem und differenziert eingesetztem Bariton singt, und mit dieser Leistung über den Maßen bewegt, berührt. Vor allem wegen Schmutzhard und Christopoulos lohnt die Reise nach Graz. Daneben müht sich Annette Dasch stimmlich um Ausdruck als Marie, mit schneidend scharfem Sopran stattet sie die Partie aus, dass auch dieser Charakter eine bemitleidenswerte Kreatur ist, erschließt sich nicht immer. Aus dem übrigen Ensemble sticht besonders Wilfried Zelinka als erster Handwerksbursch hervor. Warum dieser ausgezeichnete Sänger nicht als Doktor aufgeboten ist, versteht, wer will, bleibt denn Daeho Kim mit schwächelndem Bass blass in dieser Rolle. Rollendeckend besetzt die übrigen Partien: Matthias Koziorowski mit geschmeidigem Tenor als heller Tambourmajor, Thomas Ebenstein als eisiger, tenoral dünnstimmiger Hauptmann, daneben noch Ted Black (Andres), Willi Frost (zweiter Handwerksbursch), Martin Fournier (Narr), Neira Muhic (Margret), Simeon Schmidt (Mariens Knabe) und Marlin Miller (Soldat).
Laut William Shakespeares KING LEAR ist der Mensch nicht mehr als ein armes, nacktes, zweibeiniges Tier. Regisseur Evgeny Titov, in Graz bereits mit TANNHÄUSER von Richard Wagner höchst erfolgreich, inszeniert dieses abgründige Stück von der entblößten, gequälten, erniedrigten Kreatur auch so, in der ersten Szene lässt er Wozzeck sogar splitternackt Hohn und Spott seiner Umwelt ausgesetzt. In überwiegend starken, surrealen, cinemascopeartigen Bildern erzählt er dann, ganz aus Musik und Text heraus, die Entwicklung dieses gepeinigten, armen Menschen bis zur tödlichen Katastrophe. Die Bühne von Gideon Davey ist eine dunkle Waldlandschaft, synonym für die endlos tragischen Tiefen der menschlichen Seele. Thomas Alphons steuert eine grandiose Lichtregie bei: das Leuchten des Waldes, des Himmels und des Mondes geben jeweils die Stimmung von Musik und Text jeder einzelnen Szene wieder. Etwas aufgesetzt wirken leider die teilweise verfremdenden, verzerrten Kostüme von Klaus Bruns, die kahlen Köpfe aller Protagonisten sind gegen jede Ästhetik, wahrscheinlich ist aber gerade das gewollt in dieser letztendlich weitgehend überzeugenden Regiearbeit. Wahnsinn, Zorn und Sünde fressen diesen Wozzeck in pechschwarzer Umgebung auf. Wird dieser gebrochene, geschundene Mensch, von seiner Umwelt zum Mörder werdend und in den Selbstmord getrieben, letztendlich erlöst in diesem Abgrund? Titovs gelungene Inszenierung spürt dieser Frage auf den Grund.
Das Publikum in der fast ausverkauften Grazer Oper spendet den Ausführenden zum Schluss begeistert lautstarken Beifall.
Kommentare
zweifellos eine außergewöhnliche aufführung.
die bühnenbilder sind fantastisch.
schade, dass die production schon wieder abgesetzt wird.