Kahl ist die Bühne, mit ihren Schattenspielen immer wieder an Robert Wilson erinnernd, und wo sich Bilder von eigenartig eindringlicher Kraft herausschälen. Die Szenerie ist statisch, streng, zwingend, Personenführung wie Personenregie geraten bewusst einfach, klar und deutlich, ohne verfremdende Rahmenhandlungen, ohne aufdringliche Choreografien, ohne zusätzliche Figuren: man muss das erwähnen, weil dieser Unsinn heute auf den Opernbühnen mehr und mehr Platz greift. Die Nederlandse Opera Amsterdam spielt Richard Wagners Handlung in drei Aufzügen, TRISTAN UND ISOLDE, im Het Muziektheater in der Inszenierung von Pierre Audi aus dem Jahr 2018 und gerät die Aufführungsserie zur Hommage an den im Mai 2025 überraschend verstorbenen Regisseur, der in mehr als drei Jahrzehnten als Leiter des Hauses in Amsterdam die niederländische Kulturszene wie kaum jemand anderer geprägt hatte.
Auf der Bühne ist eine Eisenkonstruktion zu sehen, großflächige Wände, die hin und her geschoben werden, mit Licht und Schatten changierend, Pflanzen, ein Walskelett: in diesen Seelenräumen, in die Audi blicken lässt, entwickelt sich aus der großartigen Musik Wagners die ganze tragisch traurige Trostlosigkeit von Tristan und Isolde, die in dieser Deutung so gut wie nicht zueinanderfinden. Für die von höchster Ästhetik geprägte Ausstattung ist Christof Hetzer verantwortlich: das dienende Paar Brangäne und Kurwenal tragen die gleichen Kostüme wie Isolde und Tristan – sollen sie jeweils ein alter Ego ihrer Herrenfiguren darstellen? Jean Kalman taucht die Bühne in magisch stimmiges Licht. Audis Regiearbeit entpuppt sich als subtil feinsinnig, höchst psychologisch fundiert, die Beziehungen der handelnden Personen zueinander tiefgründig herausarbeitend. Vergänglichkeit, Hoffnungslosigkeit, der Tod, wo die Liebenden erst zueinander finden, dominiert. Diese in ihrer Bewegungslosigkeit kühne Inszenierung, der jegliche Lebensfreude fehlt, berührt, bewegt, macht nachdenklich wie wehmütig. Wagners opus metaphysicum ist ein Nachtstück, Audi inszeniert diesen „zweimal einsamen Tod“ (Nike Wagner) auch – gekonnt wie überzeugend – so.
Musikalisch gerät auch die Aufführung am 20. Februar 2026 zum Ereignis. Am Pult des Rotterdams Philharmonisch Orkest waltet ein junger finnischer Shooting-Star aus der Dirigentenschule des großen Lehrers Jorma Panula aus Helsinki, der 25jährige Tarmo Peltokoski. Richard Wagner sei einer seiner bevorzugten Komponisten, betont der junge Mann im Vorfeld der Produktion, und das hört man auch. Dem hervorragend aufgestellten Orchester entlockt er wunderbare Töne, sein Dirigat gerät vorbildlich, was Gestaltung und Maßhalten betrifft, nie zelebriert er die Musik, nie lässt er sie überbordend kochen, und erreicht derart ein Höchstmaß an kontrollierter Ekstase. Mit den SängerInnen atmet er vorbildlich, formt den Text mit seinen Lippen mit, sein transparenter Wagnerklang leuchtet poetisch: ein souveräner Dirigent, von dem man sich im Laufe seiner Karriere, die unaufhaltsam ihren Lauf nimmt, wohl noch Einiges erwarten darf.
In Amsterdam ist auch eine erlesene Besetzung zu hören. Das beginnt bei den kleinen Rollen mit allesamt starken Stimmen: Leon Kosavic (Melot), Linard Vrielink (Hirt/junger Seemann) und Roger Smeets (Steuermann). Mit starkem Charakterbariton gibt Jordan Shanahan Kurwenal, Liang Li ist ein König Marke mit schmerzlich expressivem Ausdruck. Michael Weinius in der Rolle des Tristan lässt sich verkühlt ansagen, bemerkenswert steht er die Partie ohne Blessuren durch, und lässt einen überlegten, introvertiert sensiblen Tristan vernehmen. Weinius zeigt, dass man diese fordernde Partie auch lyrisch, geschmeidig phrasierend singen kann.
Die Krone des Abends gebührt aber den beiden Frauenstimmen. Irene Roberts ist eine volltönende, dunkel timbrierte, leuchtende Brangäne von selten eindringlicher Intensität. Und das Rollenporträt von Malin Byström als Isolde ist ein Ereignis. Gewiss gerät die Sängerin, die keine genuine Hochdramatische ist, mit dieser Partie an ihre stimmlichen Grenzen, die extremen Ausbrüche der Partie dosiert sie bewusst, damit die in der Mittellage und Tiefe wunderbar fließende, an Klangfarben überaus reiche, bewegliche Sopranstimme keinen Schaden nimmt. Alles in allem beeindruckt ihre vorbildliche Rollengestaltung, die, kräftig intensiv, ans Herz geht. Höhepunkt des Abends ist werkimmanent die große Szene zwischen Tristan und Isolde im zweiten Akt: betörend, in verhangene Klangfarben getaucht, lässt Peltokoski das Orchester sanft fließen, die Stimmen der vorbildlich phrasierenden Protagonisten sind immer hörbar in diesen flutenden Klang getaucht, im Verein mit dem Klangkörper vermeint man bisweilen, den Kosmos zu hören. Vorbildliche Artikulation, Diktion und Textverständlichkeit aller SängerInnen ist an diesem Abend, der vom Amsterdamer Publikum zu Recht lautstark bejubelt wird, ebenso zu bestaunen.