Im Rahmen einer Europa-Tournee gastiert Oslo Philharmonic unter seinem Chefdirigenten Klaus Mäkelä für zwei Konzerte auch im Wiener Konzerthaus mit Werken aus Russland und Finnland.
Zu Beginn des ersten Konzertes am 22. Jänner 2026 erklingt das 1878 komponierte Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 von Peter Iljitsch Tschaikowsky, ein Glanzstück romantischer Konzertliteratur, nicht nur der russischen. Lisa Batiashvili beeindruckt mit diesem Werk auf ihrem edlen, kostbaren Instrument, einer Violine von Giuseppe Guarneri del Gesù aus 1739, mit volltönendem, leidenschaftlichem Spiel unter starkem Druck auf den Bogen – technisch makellos, sicher, ausdrucksstark, und so rasant, dass das Orchester zu Beginn etwas Mühe hat, der Solistin zu folgen. Einfach nur beglückt lauscht man der Solistin dieser Wiedergabe dieses Stückes höchster geigerischer Virtuosität, der Dirigent setzt manchmal etwas zu starke Akzente. Danach gibt es gemeinsam mit dem Orchester noch eine Zugabe – Saeterjentens sondag von Ole Bornemann Bull, einem norwegischen Violinisten und Komponisten des 19. Jahrhunderts.
In allen Instrumentengruppen hervorragend disponiert und mit zwingender Orchesterkultur präsentiert sich das Orchester nach der Pause bei der 1943 entstandenen, im selben Jahr in Moskau von Evgenij Mrawinskij uraufgeführten Symphonie Nr. 8 c-moll op. 65 von Dmitri Schostakowitsch, die zusammen mit den Symphonien Nr. 7 und 9 zu den sogenannten „Kriegssymphonien“ dieses Komponisten zählt. „Dieses Werk war der Versuch, die Erlebnisse des Volkes auszudrücken, die furchtbare Tragödie des Krieges widerzuspiegeln. … eine Reaktion auf die Ereignisse jener schweren Zeit; …“ – wie sich Schostakowitsch selbst zu seinem Werk geäußert hat. Die klirrende Eiseskälte eines sinnlos blutigen Krieges ist in diesem erschütternden Werk zu hören: Klaus Mäkelä trifft dessen durchwegs tragischen Ton genau. Die Unerbittlichkeit, mit der er den Orchestersatz beinahe schon exekutiert, erzeugt Beklemmung. Bereits im ersten, langen Satz baut er eine ungemein starke, latent bedrohliche Spannung auf, welche auch über die restlichen vier Sätze eindringlich anhält. Den burlesk grotesken Charakter des zweiten Satzes erfasst er ebenso deutlich wie den toccataartigen dritten Satz mit seiner permanenten maschinenhaften Motorik und in seiner brutalen Monotonie. Ergreifend, mit Herzblut musiziert wird der vierte Satz, eine Passacaglia, wiederum tragischen Inhalts, wo Ödnis, Trauer und dunkle Einsamkeit vorherrschen und den Hörer:innen zwingend vermittelt wird. Auf das formal ausgewogene Werk mit einem blendend interpretierten fünften Satz – kammermusikalisch, was den überwiegenden Gebrauch von solistischen Instrumenten betrifft, doch auch das Aufschreien des ersten Satzes wiederholend, endend im abgründigen Pizzicato der Streicher – folgt jubelartiger Applaus, eine Zugabe passt nach diesem Werk ohne optimistisches Ende nicht.
Was bereits im ersten Konzert besonders deutlich wahrnehmbar war, setzt sich im zweiten Konzert am 23. Jänner 2026 fort: wieder gelingt es dem Dirigenten mit seiner norwegischen Formation unmittelbar diese – für Schostakowitsch typische – latent bedrohliche Spannung zu erzeugen, aufzubauen, zu steigern und bis zum Schluss fast schon unbehaglich belastend zu halten. Auch lässt die Intensität, womit das Orchester musiziert, nicht nach. Schostakowitsch selbst bekannte, dass die 1939 in Leningrad, ebenfalls von Evgenij Mrawinskij uraufgeführte Symphonie Nr. 6 h-moll op. 54 „sich in Stimmung und emotionalem Ton von der intensiv tragischen Symphonie Nr. 5 erheblich unterscheidet: Hier wollte ich Gefühle des Frühlings, der Freude und der Jugend ausdrücken.“ Diese Sichtweise offenkundig zu machen, gelingt dem Dirigenten in den schnellen Sätzen zwei und drei höchst überzeugend – nach dem langen, langsamen ersten Satz, einem mit kammermusikalischer Delikatesse gespielten, monumentalem Trauermarsch, einem resignativen Largo.
Zum Schluss der kurzen Residenz von Oslo Philharmonic ist dann am zweiten Abend nach der Pause noch Jean Sibelius‘ viersätzige Lemminkäis-sarja (Lemminkäinen Suite) op. 22 zu hören – vor allem zu erleben, weil der aus Finnland stammende, junge Dirigent diese Musik mit seinem Orchester durchlebt, sie ihm naturgemäß im Blut liegt. Die viersätzige Suite kommt im Grunde einer Symphonie gleich, wie aus einem Guss interpretiert Mäkelä das Werk. Tritt am ersten Abend das Fagott solistisch besonders herausragend hervor, betört am zweiten Abend das schöne Englischhorn im tieftraurigen „Schwan von Tuonela“. Jubel auch an diesem Abend, wiederum ohne Zugabe nach dem Hauptwerk.