An der Deutschen Oper Berlin wird Richard Wagners PARSIFAL noch einmal in der Inszenierung von Philipp Stölzl – Mara Kurotschka (Co-Regie), Conrad Moritz Reinhardt und der Regisseur (Bühne), Kathi Maurer (Kostüme), Ulrich Niepel (Lichtdesign) – aus dem Jahr 2012 gespielt. Dieser vom Kino kommende Regisseur hat das Bühnenweihfestspiel quasi auf der Bühne verfilmt. Die Passionsspiele in Oberammergau, Erl, St. Margarethen oder wo auch immer lassen grüßen ebenso wie Wildwestszenerien und an Playmobil erinnernde Steinblöcke und Ritterburgen. Den Text kennt Herr Stölzl nicht sehr genau, hat ihn zumindest nicht genau gelesen, führt man sich allerlei Unverständliches vor Augen, das in diesen fünfeinviertel Stunden so abflirrt. Zum Vorspiel beispielsweise sieht man die Kreuzigung Christi in Golgatha, Christus stirbt durch den Lanzenspeer, danach erst bricht Kundry in Lachen aus. Wie kann sie da sein Blick noch treffen? Während der ersten Gralsszene fließt zur Gralsenthüllung das Blut Amfortas‘ aus seinen Handflächen, silikonbrüstige Blumenmädchen umgarnen Parsifal in Südseeinselkittelchen, und so weiter, das alles in trostlos ödem Licht … Genug davon: Musiktheater, aus Musik und Text entwickelt, in psychologisch subtiler Personenführung sieht anders aus. Man darf sich wünschen, dass Aviel Cahn, der neue Intendant an der Deutschen Oper Berlin, aus Genf Michael Thalheimers spannend interessante Inszenierung des Stückes – wie dessen „Tannhäuser“ – nach Berlin mitbringt.
Musikalisch hingegen bleiben in der 23. Vorstellung seit der Premiere am Palmsonntag, den 29. März 2026, jedoch kaum Wünsche offen. Dem jungen finnischen Dirigenten Tarmo Peltokoski, 25jährig, eine „Jahrhundertbegabung“, wie der Tagesspiegel schrieb, aus der Kaderschmiede des großen Dirigentenlehrers Jorma Panula, gelingt eine unter Hochspannung stehende, ausgewogen transparente Gangart am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin. Die Tempi sind, ganz Wagners Anweisungen entsprechend, im ersten Akt zügig, im zweiten zurückhaltend, aber dramatisch aufgeladen, im dritten fließend und mild abgeklärt, mit einem großen, schönen Ausfluten am Schluss. Beeindruckend die dirigentische Reife des jungen Mannes, der wie in „Tristan und Isolde“ vor kurzem in Amsterdam Extreme meidet: ließ er sich an der Nederlandse Opera nicht zu ekstatisch überhitzter Übersteigerung hinreißen, neigt er jetzt in Berlin auch nicht zu breit getragener Weihe in einem Klangbad.
Eine großartige Leistung ist dem Chor zu attestieren, Chorleiter Jeremy Bines bedeutet einen Glücksfall für das Haus, ungemein plastisch differenzierter Chorgesang ist da zu vernehmen.
Attilio Glaser gibt einen im Grunde lyrischen Parsifal, mit allerdings bestens fokussierter Stimme; die dramatischen Ausbrüche geraten enorm stark, auffallend seine hervorragende Phrasierung, mit der er die Partie gestaltet. Irene Roberts ist eine hocherotische, vollstimmige Kundry mit sattem Mezzosopran, deren sinnlich verführerisches Timbre stark einnimmt. Thomas Lehman ist ein leidender, sanfter Amfortas, vom Timbre her ein echter Schmerzensmann. Als beißend kräftiger er Klingsor überzeugt Lawson Anderson, der die Rolle werkimmanent abgründig dämonisch anlegt. Und als Gurnemanz beeindruckt Albert Pesendorfer mit seinem riesenhaften Bassorgan, der die Partie wie ein Evangelist überaus klar deklamiert. Alle SängerInnen fallen durch hervorragende Artikulation wie vorbildliche Diktion auf, hohe Wort- und Textverständlichkeit inklusive.
Tosender Schlussapplau zu Recht im Haus an der Bismarckstraße.