Uraufgeführt am 26. Januar 1911 am Königlichen Opernhaus in Dresden, kurz vor Ende des Fin de Siecle wie vor dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie, stellt die zweite gemeinsame Arbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, „Der Rosenkavalier“, den Abgesang einer ganzen Epoche dar. Die „Komödie für Musik“ eröffnet am 28. März 2026 die diesjährigen die Festtage an der Berliner Staatsoper Unter den Linden.
Am Pult der in allen Instrumentengruppen bestens aufgestellten Staatskapelle Berlin steht Generalmusikdirektor Christian Thielemann, was dirigentisches Können und Handwerk betrifft, uneingeschränkt einer der Ersten seiner Zunft. Und der musikalisch einfach großartige Abend gerät denn auch durch und durch zum Triumph für Thielemann. Selten hört man so einen wehmütigen, ganz in herbstlich schwelgerische Farben getauchten „Rosenkavalier“. Die herrliche Musik wird mit ungemein spannend geladenen Tempi umgesetzt, Thielemann waltet bei höchster Konzentration und überragender Umsicht mit höchst präziser Zeichengebung und fulminanten Schlag am Pult des Orchesters. Derart gelingen gerade bei diesem Stück so wichtige, bewegend musizierte Aktschlüsse. Welch‘ wunderbare Holzbläserfarben sind da zu vernehmen, welch‘ perfekt abgerundetes Blech, die Streicher lassen silbrig schimmernden Glanz verströmen und sogar die so typische Taktverzögerungen beim Wiener-Walzer fehlen nicht in dieser Interpretation. Ganz große dirigentische Kunst ist es, dies alles mit dem Orchester auf natürliche, nie aufgesetzte Art und Weise in fein transparenten wie rauschhaft gesteigerten Klang umsetzen zu können. Thielemann legt auch die in der Partitur immer wieder plötzlich ausbrechenden, modernen Dissonanzen frei: Die walzerselige, nur scheinbar mühelos gefällige, harmonische Welt des „Rosenkavalier“ kann bei dieser Interpretation jederzeit aus den Fugen geraten und man hört bei diesem Dirigat, dass die dekadente Adels- und Offiziersgesellschaft der k.u.k. Donaumonarchie bereits auf dem Vulkan tanzt.
Die Regie bei dieser Produktion, die am 9. Februar 2020 zur Premiere kam, hat der österreichische Multimediakünstler, Autor, Poet, Chansonnier und Filmemacher André Heller übernommen, und mit diesem Stück zum ersten Mal überhaupt eine Oper inszeniert. Heller weist eine besonders starke, persönliche Beziehung zu der wohl „wienerischten“ aller Opern, was die Musik und den Gedanken- wie Sprachkosmos des Werkes betrifft, auf, sind doch Strauss und Hofmannsthal für ihn seit Jugendtagen „Säulenheilige“. Auf Basis ausgesprochener Werktreue möchte Heller, einstiges enfant terrible der Wiener Szene seinen Inszenierungsversuch einbringen. Das Stück spielt bei ihm 1917, ein Jahr vor Ende der ersten Weltkriegskatastrophe: Heller und der Dramaturg Benjamin Wäntig verlegen also die Handlung vom Rokoko in den Jugendstil, weil das Werk von Strauss und Hofmannsthal vielmehr den Charakter eines Kommentars über die Gesellschaft Wiens nach der Jahrhundertwende als zu Zeiten Maria Theresias besitzt. Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, alias die Freundin Hofmannstahl, die Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, lädt im ersten Akt im Rahmen ihrer Féte zu einer Benefizveranstaltung für Kriegswaisen in ihren Salon japanoise. Im luxuriös verschwenderischen, das Proszenium der Lindenoper miteinbeziehende Bühnenbild der Wiener Malerin Xenia Hausner, der Tochter des österreichischen Malers, Grafikers und bedeutenden Vertreters der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, Rudolf Hausner, ist ein wahrer Bilderrausch zu sehen. Was die Farben der Bühnenbilder betrifft, hat sich Hausner ganz an den leuchtend bunten Vorbildern ihres Vaters orientiert, die stimmungsvolle Koloristik mischt sich trefflich mit dem geschmackvollen Lichtdesign von Olaf Freese. Für die gesamte Ausstattung der Neuproduktion haben wohl die Jugendstilikonen Emilie Flöge und Kolo Moser Pate gestanden. Im faninal‘schen Stadtpalais im zweiten Akt hängt sogar das Beethovenfries von Gustav Klimt als Wohnzimmerdekoration. Der dritte Akt ist von den Palmenhäusern im Schönbrunner Schlossgarten und im Burggarten in Wien inspiriert, angereichert durch marokkanische Elemente aus Hellers eigenem Garten in Marrakesch. Die Kostüme wurden vom jungen Modedesigner Arthur Arbesser, für Heller ein „Wunderkind der Mode“, entworfen, der sich dabei auf den Wiener Jugendstil und Entwürfe der Wiener Werkstätte bezog. Den „Rausch der Schönheit“, den sich Heller gewünscht hat, vermag Arbesser mit seinen Kostümen aber nur teilweise umzusetzen: Die phantasievollen und farbenfrohen Stücke erfreuen das Auge des Betrachters mal mehr, mal weniger. Ihre geometrischen Muster, der goldene Jugendstil, deren heftiges Volumen wie Schlichtheit kommen je nach Trägerin bzw. Trägerin mehr oder weniger stark zur Geltung. Heller verarbeitet in seiner Inszenierung viele große Vorbilder (die Regiegrößen Friedrich, Kupfer und Schenk lassen grüßen), ohne sie zu kopieren, ohne deren Dichte zu erreichen. Der Poet und österreichische Staatskünstler verneigt sich vor dem Werk und würzt es mit eigenen Zutaten. Ohne etwas zu stark zu „verhellern“ bleibt er sich im Grunde treu, zum Wurf gerät diese Inszenierung aber nicht, kommt doch vieles zu geschönt geglättet daher. Hellers gewohnter, morbider Charme findet aber kaum Eingang in sein Inszenierungskonzept, hätte der Regie, vor allem der Herausarbeitung der Beziehungen vor allem der Protagonisten untereinander gutgetan und mehr Leben eingehaucht, bleiben diese doch eher schablonenhaft eindimensional. Die Personenführung ist zwar klug und sehr geschmackvoll arrangiert, eine psychologisch subtile Personenregie sieht jedoch anders aus und fehlt über weite Strecken. Die Abgründe des Stückes sind vor allem im Dirigat Thielemanns hörbar, in der Regie Hellers leider nur wenig sichtbar. Dennoch gelingen einige bemerkenswerte Details, die zum Nachdenken anregen: Am Schluss nach dem Terzett lässt die Marschallin bei ihrem Abgang ihr Taschentuch für Octavian fallen – als Einladung, als Aufforderung die Liaison mit ihr auch während seiner Beziehung mit Sophie fortzuführen? … Was soll’s: Schön anzusehen ist er, der Berliner „Rosenkavalier“ – und im Hinblick auf die Ästhetik, die diese Produktion ausstrahlt, auch gelungen.
Die Besetzung ist hervorragend. Julia Kleiter ist vor allem eine textdeutliche, wortverständliche Marschallin mit vornehmer Noblesse in der Phrasierung. Ihr gelingt eine sehr geschmackvolle, stimmlich überaus gelungene Interpretation mit blühendem Sopranton, Ausdrucksintensität, Reife wie melancholischen Zwischentönen. Mit der Partie des Octavian feiert die österreichische Mezzosopranistin Patrizia Nolz in der Titelrolle einen Triumph: ihr jugendlich überschwänglicher Jubelton vermag von Beginn an zu begeistern, ebenso die beeindruckende Rollengestaltung, ihr Auftritt bei der Überreichung der silbernen Rose zu Beginn des zweiten Akters ist großes Kino. Mit ihrem anmutigen, berührenden Gesang, bewegt auch Nikola Hillebrand als Sophie. Im Schlussterzett, dem wohl schönsten Abschnitt der Oper, mischen sich die drei herrlichen Stimmen wunderbar harmonisch, vollends getragen von Thielemanns opulentem Strauss-Klang: Gänsehautmomente, auch im folgenden Schlussduett zwischen Octavian und Sophie. Gesanglich wie darstellerisch hervorragend agiert auch Peter Rose als Baron Ochs von Lerchenau. Sein fließender, angenehm timbrierter, bisweilen saftiger Bass erfasst sämtliche gesangliche Nuancen der Partie; den Parlandoton bringt er hervorragend in Einklang mit der schwer zu singenden wienerischen Diktion. Schauspielerisch verleiht er der Figur den Charakter eines echten Don Juan vom Lande, polternd, aber niemals ordinär derb, immer noch Aristokrat, und lässt so eine überzeugend gelungene Rollendurchdringung erleben. Die Besetzung runden Roman Trekel (Faninal), Daniela Köhler (Jungfer Marianne Leitmetzerin), Karl-Michael Ebner (Valzacchi), Christa Mayer (Annina), Andres Moreno Garcia (Sänger), Friedrich Hamel (Polizeikommissar), Florian Hoffmann (Haushofmeister bei der Marschallin) und Stephan Rügamer (Haushofmeister bei Faninal, Wirt) ab.
Orkanartiger Applaus zum Schluss. Bleibt noch das besonders gelungene Programmheft der Lindenoper zu dieser Produktion zu erwähnen.