Aktuell gastiert der polnische Startenor Piotr Beczala als Prinz in einer Aufführungsserie von Antonin Dvoraks RUSALKA in Wien. SIMPLY CLASSIC gab der durch und durch sympathische Sänger bar jeglicher Allüren ein Gespräch während der Proben in der Tenorgarderobe der Wiener Staatsoper.
Dem Prinzen in RUSALKA verleiht Piotr Beczala gewöhnlich seinen charakteristischen, ungemein schmelzreich timbrierten, einschmeichelnden, wunderbar phrasierenden Tenor, den er in der Schlussszene mit Rusalka, einem Todesduett, in stratosphärische, bombensichere, perfekt fokussierte Höhen schraubt. Diese Rolle zählt er auch zu seinen Lieblingsrollen.
„Der Prinz ist eine der wenigen slawischen Rollen in meinem Repertoire und ich mag diese Partie sehr. Das erste Mal habe ich ihn 2008 gesungen, fast jede zweite Spielzeit mache ich eine Aufführungsserie davon und das macht richtig Spaß. Einfach eine tolle Rolle, musikalisch von Dvorak hervorragend umgesetzt, schön zu singen, die Musik ist einfach großartig. Das ist eine Oper, wo sich jede/r Mitwirkende freut, obwohl es ein schaurig tragisches, osteuropäisches, ganz anderes Märchen ist, aber ein Teil slawischen Kulturgutes, was ich naturgemäß sehr gut nachvollziehen kann.
Ich bin seit 33 Jahren auf der Bühne und mittlerweile verwöhnt, weil ich eigentlich seit ungefähr 15 Jahren nur mehr Lieblingsrollen singen kann, egal ob das nun Verdi, Puccini, Verismo, slawisches Repertoire oder Wagner ist. Ich habe ungefähr 15 Rollen, die ich behüte, ständig daran arbeite und in Wiederaufnahme und Neuproduktion weiterentwickle – Radames in Aida, Manrico in Il trovatore, Gustav III. in Un ballo in maschera, Don Josè in Carmen, Werther, Faust, Lohengrin, Cavaradossi in Tosca, um nur einige zu nennen. Wenn man nicht ständig einen Schritt weiter geht, kommt es nämlich zu einer Rückentwicklung.
Ich bin immer noch ein lyrischer Tenor. Natürlich singe ich jetzt auch Spinto-Rollen, zum Beispiel Andrea Chenier, die ich aber immer aus der lyrischen Perspektive betrachte. Meine ganze Erfahrung kann ich jetzt mitnehmen, um auch diese Rollen zu gestalten, weil alle Rollen, auch die dramatischten, lyrische Komponenten besitzen. Lyrik bedeutet nicht, weniger Stimme zu geben, sondern den Einsatz anderer Stimmfarben. Menschliche Züge und Farben in den Rollen mag ich mehr als den metallischen Triumphklang.
Ich schließe nicht aus, dass noch Alvaro in La forza del destino kommt. Turiddu in Cavalleria rusticana werde ich sicher singen, vielleicht Canio in I Pagliacci, vielleicht die letztgenannten sogar beide an einem Abend. Nächstes Jahr werde ich Parsifal in Wien und an der MET machen, damit ist dann mein Wagner-Gebiet abgedeckt, obwohl es sehr viele Anfragen für andere Wagner-Partien gibt, aber ich fühle mich nicht als Wagner-Tenor – aus der Perspektive, dass ich so viele verschiedene Sachen im Rahmen einer gesunden Balance in meinem Repertoire mache. Wie gesagt, ich schließe es nicht aus, bin aber nicht traurig, keinen Otello quasi als Schlussrolle zu singen.
Zu Lohengrin gehört der Schmelz in meiner Stimme, den Sie ansprechen, dazu. Auf bestimmte Klänge, die man in der Kehle hat, darf man nicht verzichten. Ich versuche, Lohengrin sehr sauber und sehr konkret zu intonieren, werde meine Stimme aber nicht verstellen, um eine Rolle zu singen. Bei der deutschen Sprache darf man den Schmelz auch nicht übertreiben, ebenso wenig bei den italienischen Opern die Italianità, was dann nur mehr kitschig klingen würde. Lohengrins Phrase „Aus Glanz und Wonne komm‘ ich her“ im dritten Akt im Duett mit Elsa beschreibt den Charakter Lohengrin als Ganzes – nicht die „Taube“ in der Gralserzählung. Glanz und Wonne ist der Schlüssel zu dieser Figur, die zentrale Erkenntnis beider, Lohengrins Bekenntnis und Elsas Entsetzen, von Wagner genial umgesetzt, ein unglaublicher Energiehöhepunkt. Stolzing werde ich sehr oft angefragt, die Rolle finde ich für mich jedoch aus gesangsökonomischen Gründen nicht so interessant, weil die Meistersinger vor allem ein Ensemblestück sind. Ich singe Lohengrin, jetzt auch Parsifal, wenn ich nun auch Stolzing singen würde, würde ich nur noch Wagner singen und wäre dann kein Platz mehr für meine bevorzugt vielschichtiges Repertoire.
Ich bin ein Teamplayer und komme mit allen Kolleg:innen auf der Bühne gut aus. Ich versuche immer, etwas gemeinschaftlich entstehen zu lassen. Was RegisseurInnen und DirigentInnen betrifft, bevorzuge ich Menschen, die Oper mögen und Erfahrung mit Oper haben: als erfahrener Sänger versuche ich auch immer, meine Ideen von einer Rolle stimmlich wie szenisch zu präsentieren und mich nicht nur einem vorgefestigten Konzept zu unterwerfen. Heute ist man allerdings gewohnt, etwas aus der Reihe zu tanzen – Lohengrin in Paris im Herbst 2023 war zum Beispiel mühsam, aber durchaus spannend erzählt, nicht so sehr gegen mein Lohengrin-Verständnis, das ich durchaus einbringen konnte.
„Musik ist eine heilige Kunst!“?. Das gilt auch für mich. Ich betrachte jeden Komponisten, der ein Gesamtkunstwerk Oper geschaffen hat, wirklich als ein Universalgenie. Diesbezüglich unterwerfe ich mich gerne, wir sind dann Teil des Werkes und ich versuche immer, die bestmögliche Interpretation der Rolle auf der Bühne zu schaffen, zu finden. Wenn es mir gelingt, das von Dirigent:innen, Regisseur:innen und Kolleg:innen unterstützt zu erreichen, bin ich glücklich! Und ich mag Komponisten am liebsten, die das Tenorfach gemocht haben.“