Elisabeth Leonskaja wurde am 23. November 1945 als Tochter einer jüdischen Gesangs- und Klavierlehrerin und eines Anwalts in Tiflis, damals Sozialistische Sowjetrepublik Georgien, geboren und zählt zu den führenden PianistInnen unserer Zeit. Bereits während ihrer Studien am Moskauer Konservatorium bei Jacob Milstein gewann sie Preise bei internationalen Klavierwettbewerben und trat schon zu Beginn ihrer Karriere mit keinem Geringeren als Svjatoslav Richter auf, der ihre weitere künstlerische Entwicklung entscheiden geprägt hat; die beiden verband dann eine enge Zusammenarbeit bis zu Richters Tod. Nachdem die damalige Sowjetunion 1978 jüdischen Bürgern das Recht zur Auswanderung gab, ihre Eltern verstorben waren und zudem ihre Ehe mit Oleg Kagan 1974 nach sechs Jahren geschieden worden war, fand Elisabeth Leonskaja in Wien ihre Wahlheimat. Neben ihren Auftritten als Solistin in Soloklavierabenden oder mit weltweit führenden Orchestern wie Dirigenten ist sie nach wie vor auch eine vielbeschäftige Partnerin von SolistInnen und Ensembles im Bereich der Kammermusik und bei Liederabenden. Ihre Auftritte sind nach wie vor sehr häufig mit zum Teil für die Künstlerin wie das Publikum herausfordernden Programmen.
Elisabeth Leonskaja ist Ehrenmitglied der Wiener Konzerthausgesellschaft. Die herausragende Künstlerin ist regelmäßig bei internationalen Festivals wie zum Beispiel den Salzburger Festspielen, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Lucerne Festival und der Schubertiade vertreten. Von Dezember 2025 bis September 2026 tritt sie unter anderen in folgenden Städten bzw. Musikzentren auf: Madrid, Köln, Budapest, Berlin, Leipzig, Paris, Bremen, Toulouse, Stuttgart, Karlsruhe, Chur, Brüssel, Padua, Frankfurt, Bern, Lausanne, Alicante, London, Bilbao, Amsterdam, Barcelona, Salzburg, Wien, Arcachon, Luzern, Monte Carlo, Lissabon, Winterthur, Saragossa, Bad Kissingen, London, Bonn, Genf, Oxford, Santander, Schwarzenberg, Mondsee und Kopenhagen auf.
Ihr Klavierspiel ist ungemein subtil, andererseits zwingend konsequent. Immer im Dienst des Komponisten, aus dem Herzen kommend, nie aufgesetzt, selbstdarstellerisch oder medienwirksam, wie das heute bei den Damen und Herren am Klavier mehr und mehr in Mode kommt. Im Vordergrund steht immer die tiefe, ernsthafte Auseinandersetzung mit Werk und Komponisten. Pianistisch wie technisch steht sie natürlich über den Dingen, wie die meisten PianistInnen aus der russischen Klavierschule.
Zahlreiche ihrer Aufnahmen auf LPs und CDs wurden mit Preisen ausgezeichnet. Zu ihrem Ehrentag darf ich an dieser Stelle auf ein paar für mich herausragende Einspielungen von Elisabeth Leonskaja eingehen:
Zunächst die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms, aufgenommen für Teldec, das erste, d-moll, op. 15, mit dem Philharmonia Orchestra London unter Eliahu Inbal, das zweite, B-Dur, op. 83, mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur. Ausgezeichneter Klavierklang prägt diese Einspielungen, massiv, riesig, dunkel, aber nie zu laut oder hämmernd, scharf detailliert, höchst strukturiert. Sowohl Inbal als auch Masur sind mit ihren Orchestern ausgezeichnete Partner, hier findet wirklich gemeinsames Atmen und Aufeinander hören statt, Konzertieren im vollendeten Sinn.
Dann die späten Klaviersonaten von Franz Schubert D 784, 840, 845, 850, 894, 958, 959, 960, bei Easonus (Harmonia Mundi) – eine starke Auseinandersetzung mit den intimen Seelenlandschaften des frühvollendeten Komponisten. Ein umfangreiches Booklet dokumentiert in Text und Bild zudem das Leben der großen Pianistin. Diese Interpretationen sind herb, kantig, schroff, ernst, männlich, in der Auseinandersetzung mit dem Werk Richter ähnlich, dennoch durch und durch eigenständig. Elisabeth Leonskaja vermittelt, lässt den ganzen unendlichen Schmerz Schuberts hören, klaviertechnisch über den Dingen stehend: für Verzärtelungen ist hier kein Platz: ungeschönt, hart, traurig, zerrissen, leidvoll klingt diese Musik, immer im Dienst ihres Schöpfers, wie sie gedacht war, wie sie sein soll.
Und zuletzt noch Klaviermusik von Alban Berg, Arnold Schönberg und Anton Webern, erschienen bei Warner Classics. Geheimnisvolle Musik, sperrig anmutend, wenn aber so interpretiert, ungemein sinnlich. Das ganz der Zweiten Wiener Schule gewidmete Album enthält neben Bergs Klaviersonate Op. 1 meisterhafte Miniaturen – Weberns Variationen für Klavier op. 27, sowie Schönbergs Drei Stücke op. 11 und die Sechs kleinen Klavierstücke op. 19. Verblüffend das energievolle wie gleichsam altersweise Klavierspiel einer großen Dame des Klaviers.
Die außerordentliche menschliche wie künstlerische Bandbreite sowie Größe dieser Ausnahmepianistin werden Zitate von ihr selbst wohl am besten gerecht:
„Das Klavier ist Symbol meines Lebens. Es ist untrennbar mit mir verbunden.“
„… es gibt bestimmte »heilige Regeln«, die man nicht umstoßen darf: Nicht sich in der Musik suchen, sondern Musik in sich – Stilgefühl – Innere Freiheit innerhalb dieses Stilgefühls – Vorstellung und Gestaltungskraft.“
„Musik ist für mich kein Beruf – Musik ist das Leben – Leben bedeutet Musik machen, den Weg zur Musik in sich suchen – immer wieder kreisen in der Suche nach Licht der Erkenntnis.“
„»Die Musik verträgt nicht die Lüge. … Die Interpretation der Musik kann nicht mit dem Ziel berühmt zu werden, verfolgt werden, die Interpretation muss aus dem ehrlichen Willen erfolgen, diese Musik zu empfinden, sie gemäß dem Willen des Komponisten mit der eigenen Emotionalität und Gestaltungskraft zu Gehör zu bringen.“
SIMPLY CLASSIC wünscht Elisabeth Leonskaja nachträglich alles Gute zum runden Geburtstag. Mögen Sie uns noch viele schöne, erfüllte Stunden mit Klaviermusik, aus der Tiefe des Herzens interpretiert, schenken.