Dem Operntitanen zum Geburtstag

Der Titan der Oper wird 85: Plàcido Domingo © Fiorenzo Niccoli

Plácido Domingo ist uneingeschränkt eine der bedeutendsten Sängerpersönlichkeiten des 20. und 21. Jahrhunderts und setzt seit Jahrzehnten internationale Interpretationsmaßstäbe, zunächst als Tenor, in seinen späteren Jahren auch als Bariton, daneben leitet er auch als Dirigent Opern- und Konzertaufführungen. Sein Gesangsrepertoire umfasst fast 150 Rollen – eine Anzahl, die bislang von keinem Sänger je erreicht worden ist. Der Künstler war auch als Operndirektor (Los Angeles Opera und Washington National Opera) tätig. Besonderes gesellschaftliches Engagement legte er nach dem verheerenden Erdbeben in Mexiko-Stadt 1985 mit tausenden Toten an den Tag, als er ein Jahr lang beinahe alle Verpflichtungen an den Opernhäusern weltweit absagte und nur noch Benefizkonzerte, deren Erlös den Waisen und anderen Hilfsprojekten zugutekam, gab. Was Nachwuchsförderung betrifft, wurde von ihm 1993 der jährlich stattfindende internationale GesangswettbewerbOperalia“ für junge Opernsänger:innen ins Leben gerufen.

Zu seinen unzähligen Rollen, die er alle auf der Bühne verkörperte, zählen im Tenorfach u. a. Radames („Aida“), Alfredo Germont („La traviata“), Don José („Carmen“), Don Carlo, Gustaf III. („Un ballo in maschera“), Stiffelio, Alvaro („La forza del destino“), Otello, Canio („I Pagliacci“), Herzog („Rigoletto“), Cavaradossi („Tosca“), Manrico („Il trovatore“), Siegmund („Die Walküre“), Idomeneo, Lohengrin, Rodolfo („La Bohème“), Dick Johnson („La fanciulla del West“), Hoffmann, Turiddu („Cavalleria rusticana“), Faust, Loris („Fedora“), Samson, Jean le Baptiste („Herodiade“), Jean de Leyde („Le prophète“), Enzo Grimaldo („La Gioconda“), Parsifal, Werther, Hermann („Pique Dame“), Andrea Chenier, Kalaf („Turandot“), Eisenstein („Die Fledermaus“). Als Bariton überzeugte er vor allem als Nabucco, Francesco Foscari („I due Foscari“), Giorgio Germont („La traviata“), Macbeth, Simon Boccanegra, Gianni Schicchi und hat auch den Grafen Luna („Il trovatore“) und den Rodrigo („Don Carlo“) gesungen. Als Tenor hat er Florestan („Fidelio“), Erik („Der fliegende Holländer“), Tannhäuser, Stolzing („Die Meistersinger von Nürnberg“), Tristan („Tristan und Isolde“), der auch für die Bühne geplant war, er hat davon Abstand genommen, und Pinkerton („Madama Butterfly“) für die Schallplatte gesungen, als Bariton Rigoletto in einem Opernfilm verkörpert und war konzertant auch überragend als Athanael („Thais“). Diese Aufzählung kann nur unvollständig sein.

Er sei privilegiert, weil seine Stimme eigentlich für drei Karrieren gereicht hätte, soll er einmal im Wesentlichen selbst gesagt haben. In den Jahren zwischen 1975 und 1985 hätte er angeblich neunmal so viele Aufführungen auf der Bühne gesungen wie der große Enrico Caruso, seinem erklärten Vorbild, in seiner ganzen Karriere überhaupt. Ob das nun den Tatsachen entspricht oder nicht: Domingo war, ist und bleibt als Sänger ein Phänomen.

Seine Partien hat er sich sein ganzes Künstlerleben selbst am Klavier ohne Korrepetitor erarbeitet, regelrechten Gesangsunterricht hat er nie genossen: empfehlenswert oder nicht, in seinem Fall gibt ihm der Erfolg recht.

Plácido Domingo ist in die Kategorien “Österreichischer Kammersänger“ und „Bayerischer Kammersänger“ eingetragen, verliehen wurde ihm u. a. das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und das Große Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich, ausgezeichnet wurde er u. a. mit dem Birgit-Nisson-Preis und dem Echo Klassik für sein Lebenswerk.

Hinzuweisen ist auf die übergroße Künstlerpersönlichkeit Plácido Domingo, eingegangen werden soll auf seine begnadete Stimme und dürfen diesbezüglich explizit drei seiner größten Rollen herausgegriffen werden: auch letzter Aspekt kann im Hinblick auf sein überragendes Künstlertum nur unvollständig sein.

Schon nach den ersten Tönen nimmt sein ocker-bronzefarbenes Stimmorgan, das an den besten Tagen überreich aus der Kehle geströmt ist, vollkommen ein. An Farben und Reichtum übersteigt diese höchst individuelle, charakteristische, sinnlich vibrierende Stimme die meisten Konkurrenten. Bei den unzähligen Auftritten und Aufnahmen in seiner immer noch andauernden Karriere mag es naturgemäß auch Leistungen gegeben haben, die über Routine, diese jedoch auch weit über den Maßen, nicht hinausgegangen sind: wenn dieser „Vielsänger“ allerdings mit vollem Einsatz bei der Sache war, zeigte er immer eindrucksvoll, auch noch mit ausgereifter Stimme, welch ein großartiger Künstler er uneingeschränkt war; ebenso, wenn er sich mit einem darzustellenden Charakter identifiziert hat. Dazu kommen noch enorme natürliche Gaben – höchste Musikalität, ein bombensicherer Instinkt für die richtigen Bewegungen und passenden Gesten auf der Bühne, seine virile männliche Präsenz, kurz seine überragende Bühnenpräsenz und Sängerpersönlichkeit.

Als Giuseppe Verdis venezianischer Feldherr OTELLO lebte Domingo diesen Charakter mit all der Leidenschaft und Rausch eines Mannes, der, vom Intriganten Jago infiltiriert, denkt, dass er von Desdemona, der Frau, die er liebt, betrogen wird. Sein typischer, leicht abgedunkelter, im Grunde weicher, betörender Stimmklang – besonders in der eminent reichen Mittellage – war auch in dieser Rolle, wohl die am meisten fordernde des italienischen Tenorfaches, zu bewundern, besonders in seinen früheren Otello-Interpretationen. Und auch wenn in seinen späteren Tenorjahren die kostbare Stimme nicht mehr ganz das fulminante Volumen früherer Tage besaß, etwas rauher klang und die hohen Töne nicht mehr ganz so sicher schwingen, schmälert das die Qualität seiner Interpretation in keiner Weise, weil mit der Reduzierung der stimmlichen Mittel eine Intensivierung des Ausdrucks einherging. Der Gesang Domingos wurde verinnerlichter als früher und er fand dann jene abgedunkelten, gedämpften Klangfarben, die eine große Otello-Interpretation braucht. Mochte Domingos Otello zwar immer eine Komponente fehlen, nämlich die des archaisch Rohen, Wilden, Ungezügelten, wurde seine Rollenauffassung dennoch durch enorme Ausdrucksstärke, und dramatisch gesteigerte Intensität des Singens immer berührender: Domingo ist in dieser Rolle nie zum triebgesteuerten, die letzten Abgründe aufreißenden Tier geworden, sondern immer ein leidender Mensch geblieben. Der Aufschwung in die Höhe im „Esultate“ hat er sich meistens abringen müssen, dennoch strahlt er als siegreicher Feldherr, ungemein zart wie leidenschaftlich singt er im Duett mit Desdemona „Gia nella notte densa“, im Duett mit Jago „Ora e per sempre addio“ brodelt, kocht die Stimme, strömt an besten Tagen wie glühende Lava, im Monolog „Dio! Mi potevi scagliar“ kämpft ein vermeintlich betrogener Mann mit sich selbst und im Schlussmonolog „Niun mi tema“ liegt ein vollkommen gebrochener Charakter am Boden: all‘ das hat kaum jemand bewegender umsetzen können als Domingo in seinen besten Zeiten.

Wenn er als Genueser Doge SIMON BOCCANEGRA in Giuseppe Verdis gleichnamigem, düster herbem Melodramma auftrat, war zu bewundern, wie Domingo in seinen späteren Jahren die vielschichtigen Facetten dieser Partie mit beeindruckender Bühnenpräsenz und noch immer voller stimmlicher Souveränität erfüllte. Komponiert wurde die Rolle zwar für einen Bariton, der über die ganze Verdi‘sche Ausdruckspalette und die entsprechenden stimmlichen Voraussetzungen verfügt, nicht für einen mit den Jahren gereiften, tiefer und dunkler gewordenen Tenor und mochte auch Domingos Auftreten als junger, draufgängerischer Seemann im Prolog nicht mehr ganz so glaubwürdig erscheinen, wurden diese Einwände doch von der einzigartigen stimmlichen wie darstellerischen Präsenz eines der größten Sängers aller Zeiten hinweggefegt. In einem gleichermaßen beeindruckenden wie berührenden Rollenporträt vollzog Domingo mit seinem dunkel timbrierten Stimmorgan, das er auch im Spätherbst seiner Karriere noch bruchlos in ebenmäßigem Legato und mit enormem Ausdruck zu führen wusste, ergreifend die Wandlung der Titelfigur vom Korsaren des Prologes über den mächtigen Dogen des ersten bis zum alten, einsamen Herrscher des zweiten und dritten Aktes. Ungemein packend, unter stimmlicher Hochspannung stehend, gestaltete er im zweiten Bild des ersten Aktes die großen Ansprachen des Dogen vor dem versammelten Rat („Plebe! Patrizi!“); bewegend wurde er, wenn der alte, bereits vom Gift gezeichnete Doge im Schlussbild beim Anblick seines geliebten Meeres in Erinnerungen an Ruhm und vergangene Taten aus fernen Tagen schwelgt. Domingos Interpretation, die mit Leidenschaft, Würde, Trauer und Größe den darzustellenden Charakter durchmaß, war von einer eigenen, über den Dingen stehenden, intellektuellen Durchdringung der Partie geprägt, vermochte er doch in nicht nachlassender stimmlicher Intensität seine Stimme strömen zu lassen, sowie auch dort, wo nötig, markant und abschattiert zu deklamieren.

Und ANDREA CHENIER, den Dichter der französischen Revolution, von Umberto Giordano kann man emotionaler und schöner wohl nicht singen als Domingo – aufregend heroisch wie der idealistische Dichter war seine Rollengestaltung, unverwechselbar, was Tenorstimme und virile Präsenz betrifft; diese Spinto-Rolle sang er mit eindringlicher Verve und wunderbaren Farbschattierungen: überragend die Aufschwünge im „Improvviso“, passioniertes Singen in „Come un bel di di maggio“, entrückte Tenoremphase im Schlussduett.

Plácido Domingo als Künstlerpersönlichkeit hat mir viele schöne Stunden beschert. In bester, unvergänglicher Erinnerung habe ich ihn in unvergleichlichen Abenden als „Otello“ unter Zubin Mehta und Dick Johnson in „La fanciulla del West“ unter Leonard Slatkin an der Wiener Staatsoper, als „Parsifal“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden unter Daniel Barenboim, konzertant als Francesco Foscari in „I due Foscari“ unter Pablo Heras-Casado in Madrid und als Athanael in „Thais“ bei den Salzburger Festspielen. In letztgenannter, spät angesetzter Aufführung kannte die Begeisterung des Publikums keine Grenzen, weshalb das Schlussduett noch nach Mitternacht wiederholt wurde. Im Ohr habe ich auch immer seinen rasenden Canio in „I Pagliacci“, seinen perfekt phrasierten „Lohengrin“ und seinen berührenden „Simon Boccanegra“ an der Wiener Wiener Staatsoper.

Kritisiert wurde er häufig wegen seiner Artikulation und Diktion in den Werken von Richard Wagner, die er in deutscher Sprache gesungen hatte. In „Parsifal“, in der Regie von Wolfgang Wagner bei den Bayreuther Festspielen 1993, wischt er auch diese Einwände beiseite, über Phrasierung und Rhythmisierung der Linie war er auch in diesen Partien über den Dingen stehend.

Viel ist immer auch über sein Alter spekuliert worden, Gerüchten zufolge mache er sich offiziell um ein paar Jahre jünger, sei tatsächlich bereits 1937 oder gar schon 1934 geboren. Lassen wir diese unsäglich trivialen Spekulationen und gehen davon aus, dass er am 21. Januar 1941 in Madrid geboren ist, und wünschen Plácido Domingo, dem Titanen der Oper, alles Gute und vor allem Gesundheit zu seinem halbrunden Geburtstag, heute, am 21. Januar 2026.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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