Als die Musik sprechen lernte: Zum 10. Todestag von Nikolaus Harnoncourt

Nikolaus Harnoncourt, der große, vor zehn Jahren verstorbene, österreichische Dirigent

Für den am 6. Dezember 1929 in Berlin als Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt als Ururenkel des populären Erzherzogs Johann von Österreich geborenen, in Graz aufgewachsenen und schließlich als ehemaliger Cellist der Wiener Symphoniker Weltkarriere als Dirigent machenden Instrumentalisten war die Musik mehr als sein Leben. Zehn Jahre sind nun vergangen, dass der nach kurzer schwerer Krankheit in der Interpretation ewig Suchende nach kurzer schwerer Krankheit am 5. März 2016 im Kreise seiner Familie in St. Georgen am Attersee verstorben ist.

Der Weg von Nikolaus Harnoncourt zum erfolgreichen Dirigenten war jedoch weit und steinig. Zeit seines Lebens mit unendlicher Liebe von seiner 2022 verstorbenen Gattin Alice unterstützt, sogar der Unfalltod eines gemeinsamen Sohnes musste verwunden werden, war er des Orchesterspiels mit immer demselben Repertoire überdrüssig geworden und gründete 1953 gemeinsam mit seiner Frau und ein paar idealistischen Mitstreitern den Concentus Musicus, ein auf Originalinstrumenten spielendes Ensemble, das sich zunächst ausschließlich der Renaissance- und Barockmusik widmete und sein Repertoire erst nach und nach erweiterte. Den Klangreichtum, den dieser Klangkörper heute auch bei Werken von Haydn, Mozart und Beethoven durch seine jahrzehntelange Erziehungsarbeit erreicht hat, ist schier unglaublich, erklangen zunächst doch „nur“ Werke überwiegend von Claudio Monteverdi, Johann Joseph Fux, Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Sebastian Bach und Georg Muffat. Erst nachdem er sich als Dirigent dieses Ensembles Weltruhm verschafft hatte, kamen nach und nach auch die großen Orchester auf den Geschmack und baten ihn ans Pult – zunächst das Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam, dann auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München, später kamen auch noch die Berliner Philharmoniker und vor allem die Wiener Philharmoniker, deren Neujahrskonzert er aufsehenerregend 2001 und 2003 dirigierte, dazu. Neben der Wiener Klassik mit den Symphonien von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert hat er sich Schritt für Schritt das ganze romantische Orchesterrepertoire erarbeitet, über Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann zu Johannes Brahms und Anton Bruckner, Antonin Dvorak und Bedrich Smetana die gesamte Musik der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, bis hin zu Bela Bartok und Alban Berg, lediglich zu Gustav Mahler fand er keinen Zugang.

Ein Zyklus von Opern von Monteverdi am Opernhaus Zürich, szenisch mit Jean-Pierre Ponnelle erarbeitet, bedeutete auch seinen Durchbruch als Operndirigent, als solcher er in weiterer Folge neben Zürich auch im Theater an der Wien, der Wiener Staatsoper und den Salzburger Festspielen wahre Triumphe feiern durfte. Auch hier ist die stetige Entwicklung, gepaart mit einem ungemein interessierten Blick auf Ungewohntes, dennoch aber Spannendes, zu beobachten. Monteverdi und Henry Purcell folgten bald Mozart in exemplarisch, gegen Ende seines Lebens auch verstörend spannenden Interpretationen, ebenso Beethovens „Fidelio“, aber auch Werke von Bedrich Smetana, Georges Bizet, Jacques Offenbach und sogar George Gershwin, Raritäten wie Schumanns „Genoveva“ nicht zu vergessen wie die Opern von Schubert – „Alfonso und Estrella“, „Des Teufels Lustschloss“, für die er sich rasend begeistert eingesetzt hatte. Ein immer wieder kolportiertes Engagement nach Bayreuth kam hingegen nie zu Stande, Richard Wagners Werk blieb ihm zeitlebens fern, ein einziges Mal hatte er im Rahmen des von ihm gegründeten steirischen Musikfestivals, der „Styriarte“ in Graz, Auszüge aus „Tristan und Isolde“ dirigiert. Und wenn in der Schallplatteneinspielung von Johann Strauss‘ „Die Fledermaus“, natürlich hat er auch dessen „Zigeunerbaron“ dirigiert, Eisenstein und Falke den Ball bei Orlofsky als ein „himmlisches Fest“ bejubeln, entfacht Harnoncourt im Orchester einen diabolischen Furor sondergleichen, sodass man Luzifers Höllenrufe zu vernehmen scheint.

Ich will an dieser Stelle an drei Aufführungen erinnern, bei denen ich selbst zugegen war und welche die enorme Bandbreite Harnoncourts widerspiegeln: eine exemplarische Aufführung von Monteverdis monumentalem VIII. Madrigalbuch, den „Madrigali guerreri e amorosi“ im Wiener Konzerthaus mit dem Concentus Musicus und Erwin Ortners Harnoncourt all die Jahre kongenial begleitendem Arnold Schönberg Chor, im Musikverein Wien im Verein mit demselben Chor und den Wiener Philharmonikern eine „Matthäuspassion“ von Bach, die in ihrer Wucht und Unerbittlichkeit an Willem Mengelberg und Wilhelm Furtwängler gemahnte sowie last but not least Mozarts „Don Giovanni“ im Großen Festspielhaus in Salzburg von Martin Kusej abgründig dämonisch in Szene gesetzt, jene Produktion, die den internationalen Durchbruch für die damals weitgehend unbekannte Anna Netrebko bedeutete.

Harnoncourt, der ewig Suchende, war ein wahrer Leuchtturm sondergleichen: Zunächst von der Presse – fälschlich – bewusst zum Antipoden von Herbert von Karajan hochstilisiert, weil beide Interpretationsansätze ihre Berechtigung hatten und haben, hat er, als Dirigent Autodidakt, auch mehr als Größe und Einsicht gezeigt, als er nach einjähriger Beschäftigung mit Bergs „Lulu“ erklärte, nicht in der Lage zu sein, die Partitur wirklich zu schlagen und eine geplante Neuproduktion in Salzburg damit jemand anderem anvertraut werden musste. In seinen Schriften, vor allem in „Musik als Klangrede“ scheint es, als hätte durch Nikolaus Harnoncourt die Musik sogar sprechen gelernt.

Zeitlose, in die Essenz der Werke eindringende, herausragende Interpretationen großer geistlicher Meisterwerke liegen von ihm glücklicherweise auf CD vor, sodass man seinen Blickwinkel auf die beiden überragenden Passionen von Bach, die Oratorien Haydns, Beethovens „Missa solemnis“, die Messen von Haydn, Mozart und Schubert und die Totenmessen von Mozart, Brahms und Giuseppe Verdi immer wieder hören kann.

Hinzuweisen ist noch auf seine letzte CD-Einspielung, die live im Musikverein 2015 aufgenommenen Symphonien Nr. IV und V von Beethoven, wo er am Pult „seines“ Concentus wieder einen anderen, nicht minder interessanten, noch schroffer und rauher gewohnten Interpretationsansatz verfolgt als in früheren Jahren: Welche interpretatorischen Wege hätte er wohl noch beschritten, um der Musik ganz auf den Grund zu gehen?

Nikolaus Harnoncourt, der große Musiker, Pionier und Dirigent, der kaum genug gewürdigt werden kann, hinterlässt auch zehn Jahre nach seinem Tod nach wie vor eine große Lücke im Musikleben.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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