Die MESSA DA REQUIEM von Giuseppe Verdi hat Maestro Riccardo Muti (s)ein ganzes (Dirigenten)Leben begleitet, bei den Salzburger Festspielen setzt er sich nun nach 2013 und 2019 mit diesem absoluten Meisterwerk zum dritten Mal in seinen traditionellen, drei Konzerten um Ferragosto auseinander. Und um es gleich vorwegzunehmen: obwohl Verdis Totenmesse, die am stärksten aller Requiem-Vertonungen die Schrecken des Jüngsten Gerichts malt, eines von Mutis absoluten Paradestücken darstellt, ist seine Interpretation dieses Mal noch wesentlich intensiver als sonst. Die Rezension bezieht sich auf die besuchte Aufführung am Abend des 16. August 2026 im Großen Festspielhaus.
Im Verein mit den in allen Instrumentengruppen hervorragend aufgestellten Wiener Philharmonikern und der von Ernst Raffelsberger vorzüglich präparierten Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor vermittelt er Verdis tönendes Gericht mit seiner ganzen furchteinflößenden Dramatik und den zutiefst berührenden, innigen Fürbitten mit höchster Eindringlichkeit. Seit er sich auch stark mit der Musik von Anton Bruckner auseinandersetzt, scheint es, dass Muti in noch weiter angelegten, spannungsvolleren Bögen als sonst atmet und musiziert. Die Dynamik der einzelnen Passagen reizt er bis in äußerste Extreme aus – martialisch dröhnt das Dies irae, im Hostias, einem der großartigsten Momente, fleht er den Tenor förmlich um beinahe komplette Zurücknahme an, im Ergebnis schwebt die Stimme nur so vom Himmel über dem Pianissimo des Orchesters.
Muti formt die Musik mit seiner nach wie vor plastischen Zeichensprache. Was Differenzierung betrifft, sind die Ausführenden an diesem Abend kaum zu überbieten, sei es das wunderbar gestaffelte, mit höchster Klangkultur aufwartende Orchester, sei es der prächtig schallende wie fein gezogene Phrasen vernehmen lassende Chor.
Auch die SolistInnenriege erweist sich als vorzüglich, angeführt von Iwona Sobotka, die mit dramatisch expressivem, wie im Libera me flehentlich zurückgenommenem Sopran glänzt; ihr nicht nachstehend der volltönende, in tiefen Regionen besonders reiche Mezzosopran von Marianne Crebassa. Michael Spyres mit schmelzreichem Tenor phrasiert mustergültig, das Plus der Bassstimme von Maharram Huseynov ist seine starke, kantabel fließende Mittellage, starke Schwärze wird dieser junge Sänger noch gewinnen.
Mutis von ungeheurer Klanggewalt geprägte, tiefschürfende Interpretation, die gravitätisch langsam beginnt und mehr und mehr an Spannung gewinnt, bewegt, berührt ungemein. Und in manchen atmosphärischen Momenten meint man, er hielte die Zeit an, jedenfalls bemerkt man in jedem Takt die besonders starke, energetische Verbundenheit zwischen dem Dirigenten, Orchester und Chor. Mutis Deutung betont deutlich, dass in Verdis Werk der Mensch in einen – endgültigen – Dialog mit Gott tritt.
Tags zuvor, nach der Matinee am 15. August 2026, wurde der Maestro mit dem Ring des Landes Salzburg, der höchsten Auszeichnung des Bundeslandes, geehrt: mit seinen Dirigaten hat er die Salzburger Festspiele maßgeblich geprägt und sich herausragend um das Kulturland Salzburg verdient gemacht.
Riccardo Muti, seit ein paar Wochen 85 Jahre, ungemein vital wirkend, tritt nun seit 55 Jahren bei den Salzburger Festspielen auf. Nach dem dritten Konzert am 18. August 2026, hieß es in Salzburg, wolle er Verdis Requiem nie mehr dirigieren.