Der Mensch im Dialog mit Gott – Riccardo Muti mit der MESSA DA REQUIEM von Giuseppe Verdi in Salzburg

Riccardo Muti und die Ausführenden nach Verdis MESSA DA REQUIEM im Großen Festspielhaus © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Die MESSA DA REQUIEM von Giuseppe Verdi hat Maestro Riccardo Muti (s)ein ganzes (Dirigenten)Leben begleitet. Bei den Salzburger Festspielen setzt er sich nun – nach 1989, 2002, 2011, 2013 und 2019 – wieder mit diesem absoluten Meisterwerk in seinen traditionellen, drei Konzerten um Ferragosto auseinander. Und um es gleich vorwegzunehmen: obwohl Verdis Totenmesse, die am stärksten aller Requiem-Vertonungen die Schrecken des Jüngsten Gerichts malt, eines von Mutis absoluten Paradestücken darstellt, ist seine Interpretation dieses Mal noch wesentlich intensiver als sonst. Die Rezension bezieht sich auf die besuchte Aufführung am Abend des 16. August 2026 im Großen Festspielhaus.

Im Verein mit den in allen Instrumentengruppen hervorragend aufgestellten Wiener Philharmonikern und der von Ernst Raffelsberger vorzüglich präparierten Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor vermittelt er Verdis tönendes Gericht mit seiner ganzen furchteinflößenden Dramatik und den zutiefst berührenden, innigen Fürbitten mit höchster Eindringlichkeit. Seit er sich auch stark mit der Musik von Anton Bruckner auseinandersetzt, scheint es, dass Muti in noch weiter angelegten, spannungsvolleren Bögen als sonst atmet und musiziert. Die Dynamik der einzelnen Passagen reizt er bis in äußerste Extreme aus – martialisch dröhnt das Dies irae, im Hostias, einem der großartigsten Momente, fleht er den Tenor förmlich um beinahe komplette Zurücknahme an, im Ergebnis schwebt die Stimme nur so vom Himmel über dem Pianissimo des Orchesters.

Muti formt die Musik mit seiner nach wie vor plastischen Zeichensprache. Was Differenzierung betrifft, sind die Ausführenden an diesem Abend kaum zu überbieten, sei es das wunderbar gestaffelte, mit höchster Klangkultur aufwartende Orchester, sei es der prächtig schallende wie fein gezogene Phrasen vernehmen lassende Chor.

Auch die SolistInnenriege erweist sich als vorzüglich, angeführt von Iwona Sobotka, die mit dramatisch expressivem, wie im Libera me flehentlich zurückgenommenem Sopran glänzt; ihr nicht nachstehend der volltönende, in tiefen Regionen besonders reiche Mezzosopran von Marianne Crebassa. Michael Spyres mit schmelzreichem Tenor phrasiert mustergültig, das Plus der Bassstimme von Maharram Huseynov ist seine starke, kantabel fließende Mittellage, starke Schwärze wird dieser junge Sänger noch gewinnen.

Mutis von ungeheurer Klanggewalt geprägte, tiefschürfende Interpretation, die gravitätisch langsam beginnt und mehr und mehr an Spannung gewinnt, bewegt, berührt ungemein. Und in manchen atmosphärischen Momenten meint man, er hielte die Zeit an, jedenfalls bemerkt man in jedem Takt die besonders starke, energetische Verbundenheit zwischen dem Dirigenten, Orchester und Chor. Mutis Deutung betont deutlich, dass in Verdis Werk der Mensch in einen – endgültigen – Dialog mit Gott tritt.

Tags zuvor, nach der Matinee am 15. August 2026, wurde der Maestro mit dem Ring des Landes Salzburg, der höchsten Auszeichnung des Bundeslandes, geehrt: mit seinen Dirigaten hat er die Salzburger Festspiele maßgeblich geprägt und sich herausragend um das Kulturland Salzburg verdient gemacht.

Riccardo Muti, seit ein paar Wochen 85 Jahre, ungemein vital wirkend, tritt nun seit 55 Jahren bei den Salzburger Festspielen auf. Nach dem dritten Konzert am 18. August 2026, hieß es in Salzburg, wolle er Verdis Requiem nie mehr dirigieren. Seine Interpretation ist nun vollendet: er hat, wie nur ganz wenige Dirigenten, alles zu diesem Werk gesagt, was zu sagen ist.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

Kommentare

  1. Sabine Jesch

    Sehr geehrter Herr Rauchenwald,
    schön,daß auch Sie wieder dem Konzert
    mit Maestro Riccardo Muti beiwohnten, und Ihre Sichtweise so treffend vermitteln .
    Ich darf mich ,so muß man es bei Muti
    immer sagen,überglücklich schätzen,bei diesem Ereignis dabei gewesen zu sein
    und zwar wie immer in allen drei Konzerten. Es gelang mir sogar ,obwohl ich diesmal zuerst wenig Hoffnung hatte,in die Generalprobe zu kommen.
    In einem im Vorfeld geführten Gespräch mit dem Konzertmeister Prof.Rainer
    Honeck,dem ich sagte,daß ich mit Maestro Muti Verdis “ Messa“ gerade hier in Salzburg schon sehr oft und je mehrmals erlebt hätte,erwähnte dieser,daß es diesmal völlig anders wäre.
    Und tatsächlich,schon in der Generalprobe ,konnte ich Prof.Honeck
    nur beipflichten.Es ging z.T.fast so weit,auch wenn die “ Messa“ inzwischen auch schon ein Teil meiner selbst ist,daß ich meinte,daß Muti in der Partitur Teile geöffnet hätte,die sonst noch nie gespielt wurden. Dem widersprach der Konzertmeister mir gegenüber aber im Anschluß an die Probe.
    Muti hat aber seine Interpretation und Sichtweise auf das Werk in großem Maße weiterentwickelt und verfeinert.
    In einer Weise,wie man sie noch nie gehört hat und auch nie mehr hören wird: Vollendet !!
    So spricht ein Italiener mit Gott ,wie Muti immer sagt.
    Das “ Dies irae“ ließ die Mauern bersten,beim “ Tuba mirum“ lief es einem
    eiskalt über den Rücken.Und mit Muti stand dabei Gott der Allmächtige persönlich auf dem Podium .Doch im nächsten Moment wechselte er die Rolle und schlüpfte in den angsterfüllten,flehenden Menschen der
    manchmal meint, vergebens zu flehen und fast aufgibt .Muti läßt dazu seine linke Schulter und Arm kraftlos nach unten fallen,gefolgt von seinem Kopf.
    Er verkörpert mit seiner non verbalen
    Sprache und Gestik jedes Gefühl des
    Menschen : Angst und Hoffnung.
    Und legt gleichzeitig all das in den Ausdruck der Musik,die er erbeben ,aber auch schweben ließ.So wie er selbst von Kopf bis Fuß unter Strom bebte und geradezu nicht wußte,wo er mit seinem Körper zuerst hin sollte,um all das zu visualisieren.In die Luft,zu Boden ,nach links oder rechts.
    Aber nicht als Show,sondern weil er die Musik selbst war .Weil es Ausdruck seiner aus der Tiefe seines Inneren kommenden Empfindung war.Er dann aber wieder fast bewegungslos Töne in den Raum entschweben ließ.
    Man fühlte sich in einer anderen Welt,jenseits des Seins .
    Er hatte an jedem Ton gefeilt ,um ihn in noch nie vernommener Weise klingen und tief ins Innere dringen zu lassen .
    Unterstützung bei der Umsetzung seiner Vorstellung des Klanges ,bekam er natürlich von den Wiener Philharmonikern,die sich quasi blind mit ihm verstehen,dem Chor und dem Solistenquartett.( I.Sobotka konnte ich im
    Nov.2025 mit Muti in seiner Italian Opera Academy in Mailand als eine phänomenale Donna Anna erleben)
    Wie sie schon erwähnten,atmete Muti in
    bis zum Extrem weit angelegten Bögen und Riterdandi,was diesen enormen
    Tiefgang,die tiefe Ergriffenheit und das Entschweben in eine andere Welt in höchstem Maße hervorbrachte .Dies ist sicher seiner in letzter Zeit stärkeren Annäherung an Bruckner geschuldet .
    Ich konnte mich dem Eindruck nicht entziehen ,daß Muti dieses Mal das Werk fast zur absoluten Vollendung führen wollte.Ins kleinste Detail eintauchte,es herausschälte und an die Oberfläche brachte.
    Dazu hatte er auch unendlich lange Proben ,die allein am ersten Tag (10.8.26) schon von morgens 10.00 Uhr bis weit nach 19.00 Uhr andauerten.Ein Mammutprogramm .
    Daß das Konzert am 15.8.26 dennoch
    Generalprobencharme gehabt haben soll,wie es ein Kritiker online beurteilte,kann ich weder nachvollziehen,noch bestätigen .Meiner
    Erfahrung nach ist ja immer das dritte Konzert die absolute Spitzenleistung,wobei die ersten beiden dem nicht viel nachstehen .
    Unübersehbar war auch Maestro Muti sehr berührt und es ging ihm sehr nahe .
    Zunächst vermutete ich seinen 85.Ge-
    burtstag und sein 55.jähriges Jubiläum in Salzburg dahinter.Nach dem Gespräch,das am 17.8.in der Universitätsaula mit ihm geführt wurde,wurde mir es aber unmißverständlich klar.Es war sein definitiver Abschied von diesem (seinem) Werk.Er wird es nie mehr dirigieren ,gab er in diesem Gespräch bekannt .
    Wenn ich es richtig verstanden habe( so habe ich es zuzumindest aufgefaßt),
    begründete er es damit,daß es sehr,sehr viel Arbeit wäre.Er selbst,der sich sein ganzes Leben mit diesem Werk beschäftigt hätte,wüßte genau ,wenn er in die Partitur sähe,wie es klingen müßte.Wie Verdi wollte,daß es klingen sollte.In seinem
    Leben hätte er sich Schritt für Schritt diesem Ideal angenähert ,doch würde er dieses Ziel mit keinem Sängern und Orchester der Welt erreichen .Deshalb hörte er mit diesem Werk auf.
    Was mag insbesondere beim 3.Konzert im Inneren Mutis vorgegangen sein ?
    Jedenfalls waren die Konzerte,um mit
    Mutis Lieblingswort zu sprechen,
    metaphysische Erlebnisse .
    Es waren denkwürdige Konzerte ,bei denen ich dabei sein durfte und dafür bin ich unendlich dankbar .

    Eine Anmerkung zum Schluß:
    Maestro Muti hat sich in Salzburg schon viel öfter als drei Mal mit diesem Werk auseinandergesetzt.Ich war z.T.auch
    dabei.2019 und 2013 nannten Sie ja schon .Aber auch 2011,das Jahr mit seinem unübertroffenen “ Macbeth“ dirigierte er es zwei Mal.Ich war 2011 ,wie 2019 je in allen dieser Konzerte .
    2002 war es am Ende der Festspiele zwei Mal sein Konzert und 1989 ebenso zwei Mal am Ende,allerdings mit den Berlinern.

    Ich würde mich freuen ,etwas von Ihnen zu hören !
    Mit freundlichen Grüßen
    bis zum nächsten Muti-Konzert
    Sabine Jesch

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