Ein doppelter Franziskus in Salzburg

SAINT FRANCOIS D'ASSISE von Olivier Messiaen bei den Salzburger Fetspielen © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

An dieser Stelle sollte an sich eine ausführliche Rezension über die Aufführung von Olivier Messiaens Scènes franciscaines, SAINT FRANCOIS D’ASSISE, des Komponisten Oper in drei Akten und acht Bildern, am 15. August 2026 bei den Salzburger Festspielen veröffentlicht werden.

Bedauerlicherweise konnte der frankokanadische Bassbariton Philippe Sly die Titelpartie nach dem ersten Akt stimmlich nicht mehr weitersingen. Er führte die Rolle szenisch bis zum Ende fort, während Antoin Herrera-Lòpez Kessel die Gesangspartie von der Seite übernahm.

Oper, überhaupt Musiktheater, lebt von Gesangsdarstellerinnen und Gesangsdarstellern, insofern ist die besuchte Vorstellung eine herbe Enttäuschung, weshalb eine eigentliche Rezension unterbleibt.

Philippe Sly war bereits in der Aufführung am 12. August 2026 infolge höchst anstrengender Proben und Aufführungen nach dem ersten Akt erschöpft und musste mangels eines anderen Sängers jedoch bis zum Ende durchsingen und spielen. Im Hinblick darauf sowie die Tatsache, dass die Gesangspartie des Saint Francois zu den schwierigsten des modernen Musiktheaters überhaupt zählt, erscheint es mehr als unverständlich, dass die Salzburger Festspiele keine entsprechenden Vorkehrungen treffen, sprich für eine entsprechende, vollwertige Cover-Besetzung sorgen, die in solch einem Fall zur Verfügung steht und in Anbetracht der geschilderten Situation gleich von vorneherein in der Folgevorstellung aufgeboten wird. Das Publikum darf sich solch‘ Usus bei Höchstpreisen in Salzburg erwarten.

Abgesehen davon, ist die Inszenierung von Romeo Castellucci, der neben der Regie auch für Ausstattung und Licht verantwortlich zeichnet, auf der Riesenbühne der Felsenreitschule ein szenischer Wurf, äußerst stimmig, dem monumentalen Werk mit eindrucksvollen, großen Bildern voller Mystik abgründig auf den Grund gehend, gelungen. Zu hinterfragen ist allerdings der Umstand, ob ein Sänger bei derartig hohen Temperaturen wie im heurigen Sommer solchen darstellerischen Strapazen wie Philippe Sly als Franziskus in dieser Produktion ausgesetzt werden soll oder ob hier nicht ein anderes Konzept – die Rolle von Le Lèpreux beispielsweise ist von vorneherein auf Sänger und Akteur aufgeteilt – zielführender gewesen wäre.

Hoch genug kann auch nicht die Leistung der Wiener Philharmoniker im Orchestergraben der Felsenreitschule eingestuft werden, welche, blendend disponiert, unterstützt von großem Schlagwerk, positioniert oben rechts und links im Raum, wie drei SpielerInnen an den Ondes Martenon, und souverän dirigiert von Maxime Pascal, die Tonsprache Messiaens – orgiastische Klänge, Bläser-Kaskaden, Holzbläser-Schichtungen, Streicher-Flimmern, mit Vogelstimmen, Gregorianik, außereuropäische Modi, sorgfältig ausgearbeitete Chorsätze, inspiriert von Claude Debussy und Igor Strawinsky wie auch von Klangwelten der Gamelan- Orchester aus Java – zwingend, in höchster Intensität, umsetzen. Ausgezeichnet singen auch die von Jozef Chabron einstudierte, für das Publikum unsichtbar platzierte Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und Lauranne Oliva als L’Ange.

An dieser Stelle Genesungswünsche an Philippe Sly: möge ihn das Publikum als Messiaens Saint Francois in den beiden letzten Vorstellungen am 19. und 23. August 2026 wieder uneingeschränkt, gleichsam stimmlich wie darstellerisch präsent, erleben.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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