Singen am Steinway: Arcadi Volodos im Wiener Konzerthaus

Arcadi Volodos © Marco Borggreve

Im Zyklus Klavier gastiert im Großen Saal des Wiener Konzerthauses wieder einmal der russische Pianist Arcadi Volodos – und fesselt von Beginn an das Publikum derart, dass dieses, entgegen leider mittlerweile üblich gewordener Gepflogenheiten, an diesem Abend sogar weitgehend, von einem Handy und ein wenig Hüsteln abgesehen, auf Störgeräusche aller Art verzichtet.

Die Satzbezeichnung der Sonate G-Dur D 894, der sogenannten „Fantasie-Sonate“, von Franz Schubert, die zu Beginn des Rezitals auf dem Programm steht, lautet Molto moderato e cantabile – und singbar, ungemein gesangvoll kommt an diesem Abend das Klavierspiel dieses Ausnahmepianisten daher. Über die ganze, lange Sonate spannt Volodos zudem einen einzigen Legatobogen, lässt, obwohl nicht vom Komponisten notiert, den jeweils nächsten Satz des Werkes ohne Pause folgen. Derart bündelt er die Aufmerksamkeit des Publikums und spannt einen großen Bogen über das ganze Werk. Zwar hüllt er das Werk in einen schmerzhaften Flor, betont damit die lyrischen Seiten der Komposition, lässt aber bereits in der Durchführung im ersten Satz den Steinway-Flügel mächtig aufrauschen; das Instrument mitseinem warmen und dennoch transparenten Klang unterstützt die Klangästhetik des Pianisten vollends. Spannungsgeladen wie gleichsam flüssig musiziert, entfaltet die ganze Sonate derart ihre Besonderheiten, die radikalen Klangentfaltungen und harmonischen Farbigkeiten Schuberts.

Auch der Block mit Werken von Frèdèric Chopin nach der Pause wird von Volodos attacca gespielt. Auf drei eher schwermütige – und auch mit subtilen Anschlagsnuancen so interpretierte – Mazurkas (h-moll op. 33/4, e-moll op 41/2 und f-moll op. 63/2) folgt das traumwandlerische Prèlude cis-moll op. 45, dessen nocturnehafte Stimmung von Volodos besonders betont wird. Zuletzt die Sonate b-moll op. 35. Ganz große, starke wie ungemein feine, exquisite, höchst differenzierte Anschlagskultur bei selbstverständlich phänomenaler Technik lässt er bei diesem Werk vernehmen und miterleben, vollends in seinem Element ist der Pianist im zweiten Teil des Trauermarsches mit schon überirdisch gesangvollem Legatospiel. Dieser Chopin ist nur zum Genießen.

Auf den Jubel des bedauerlicherweise nicht voll besetzten Auditoriums folgen vier Zugaben: das Intermezzo op. 117/1 von Johannes Brahms, das Moment musical f-moll D 780/3 von Franz Schubert, die Variationen über ein Thema aus „Carmen“ von Vladimir Horowitz – ungemein brillant und virtuos in den Zuschauerraum nahezu gefeuert – und, als ruhig fließender Ausklang, die Sicilienne aus dem Concerto d-moll BWV 596 von Johann Sebastian Bach.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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