Er zählt noch immer zu den originellsten Pianisten der Gegenwart, der gleichsam innovative wie exzentrische Ivo Pogorelich mit seinen extremen Interpretationen. Nun ist er auch wieder einmal im Wiener Konzerthaus zu erleben – mit irritierenden Interpretationen von Mozart und Beethoven sowie mit durch und durch überzeugender Gestaltung bei Chopin im Großen Saal.
Mit Noten bepackt schreitet er im Frack zum Flügel, um flugs umzukehren. Als ob er es geahnt hätte, was ihn an diesem Abend erwarten würde. Nach Justierung des spärlichen Lichtes am Podium und dem lauten Hinklatschen eines Teils der Noten auf den Boden beginnt er doch mit dem ersten Teil, der verhalten, getragen, bisweilen in verschwommener Pianistik daherkommt. Der Fantasie c-moll K 475, dem Adagio h-moll K 540 und der Fantasie d-moll K 385g von Wolfgang Amadeus Mozart wohnt zwar Trauer, Tragik, inne, dennoch sollte diese Musik auch ins Fließen kommen, was unter den Händen von Pogorelich jedoch nicht der Fall ist. Die Sonate Nr. 8 c-moll op. 13, die „Grande Sonate Pathètique“, von Ludwig van Beethoven im Anschluss kommt allzu pauschal daher, die starken Kontraste dieser Sonate ignoriert er weitgehend. Fazit: in der Wiener Klassik scheint der Solitär Pogorelich wenig beheimatet.
Beeindruckend aber, mit welch‘ stoischer Ruhe er mit dem an diesem Abend extrem unruhigen, ja undisziplinierten Publikum umgeht. Permanent lautem Husten, das bisweilen an eine Lungenheilstätte erinnert, plus Handygeläute, das nicht enden will, weil das Mobilgerät offensichtlich nicht abgestellt werden kann, begegnet er mit stoischer Ruhe. Das Publikum in Wien, der selbsternannten Musikhauptstadt der Welt, soll sich schämen ob dieser Gepflogenheiten, die bedauerlicherweise mehr und mehr um sich greifen.
Nach der Pause dasselbe Bild, was das Publikum betrifft, aber ein völlig anderer Pogorelich. Ganz feine, exquisite, ungemein subtile Anschlagskultur lässt er vernehmen und miterleben beim Nocturne Es-Dur op. 55/2 und den drei Mazurkas op. 59 – a-moll, Nr. 1, As-Dur, Nr. 2 und fis-moll, Nr. 3 – von Frèdèric Chopin. Und bei der Sonate Nr. 2 b-moll op. 35 aus der Feder desselben Komponisten blitzt der Feuerkopf Pogorelich der jungen Tage auf und durch. Ausgeprägt trocken, mit wenig Pedal, aber auf eine gewisse Art ergreifend, interpretiert er dieses Werk, seine extravagante Darstellung des Stückes fasziniert. Den Marchè funebre nimmt er ungewohnt schnell, in diesem Satz lässt er den Steinway auch mächtig aufrauschen. Dieser Chopin ist zwar nicht zum Genießen, dafür eröffnen sich unerwartete Aspekte, weil die Musik in einer eigenartig klaren Schönheit erklingt. Eine durch und durch außergewöhnliche Interpretation, die dem Pianisten den Jubel nicht nur seiner Fans sichert.
Der Künstler verabschiedet sich mit einer Zugabe – einer delikat hingehauchten Bagatelle D-Dur op. 33/6 von Beethoven.