Die Wiener Volksoper spielt wieder CABARET, das 1966 in New York City uraufgeführte Erfolgsmusical mit der Musik von John Kander, in der Fassung von Chris Walker, für das Orchester der Volksoper Wien eingerichtet von Lorenz C. Aichner, und den Gesangstexten von Fred Ebb, in der Übersetzung von Robert Gilbert.
Nach dem Ruth Brauer-Kvam, vorgesehen als Conferencier, krankheitsbedingt kurzfristig absagen musste, hat Jakob Semotan die Rolle spontan in nur 36 Stunden erarbeitet und so die 55. Vorstellung der Erfolgsproduktion am 19. Januar 2026 gerettet: der Schauspieler und Sänger der Volksoper ist eine perfekte Besetzung für den androgyn dämonischen Conferencier, der das Zepter in der Hand hat im berüchtigten, dekadent verrufenen Kit Kat Club in Berlin. Optisch, darstellerisch und sängerisch brillant muss Bettina Mönch nahezu als Idealbesetzung für die englische Sängerin in diesem Club bezeichnet werden: sie ist Sally Bowles und bringt diese maßlos ausgeflippte wie sympathisch affektierte Künstlerin jeden Deut mitreißend auf die Bühne. Der auch toll gesungene, zum Evergreen gewordene Song „Life is a Cabaret“, gerät zum berauschenden Höhepunkt des Abends, eine einfach großartige Gestaltung. Neben diesen beiden überragenden Künstler:innen überzeugen auch Oliver Liebl als amerikanischer Schriftsteller Clifford Bradshaw, Peter Lesiak als Nationalsozialist Ernst Ludwig und Teresa Jentsch als leichtes Fräulein Kost; als Pensionswirtin Fräulein Schneider und jüdischer Obsthändler Herr Schultz berühren Dagmar Hellberg und Robert Meyer. Das groß aufspielende Orchester der Volksoper Wien unter der zügig schmissigen Leitung von Keren Kagarlitsky tönt mitunter etwas laut aus dem Graben, der stark überzeugenden Gesamtwirkung des überaus gelungenen Abends tut dies jedoch keinen Abbruch.
Die Inszenierung – Gil Mehmert (Regie), Melissa King (Choreografie), Heike Meixner (Bühnenbild), Falk Bauer (Kostüme) und Michael Grundner (Licht) – ist ganz am Stück. Deutlich krass vorgeführt wird ein ganzer Reigen menschlicher Schwächen: Betrug, Untreue, Opportunismus und Rassenhass zur Zeit der Wirtschaftskrise am Ende der Weimarer Republik, ein Tanz auf dem Vulkan in den Roaring Twenties. Bitter ironisch ist diese Regiearbeit, wie das Stück. Und gegenwärtig ist immer Berlin, diese Stadt der Widersprüche, die damalige Weltmetropole mit morbidem Touch, wo der Faschismus aufkeimt und das Hakenkreuz überhandnimmt. Eine glücklich machende Idylle kommt in dieser bisweilen schrill schrägen Szenerie nie auf, beinharter Realismus ist Trumpf, geht es im Stück doch auch um so kontroverse Themen wie Homosexualität, sexuelle Ambivalenz, Promiskuität, Prostitution und Abtreibung.
Tosender Applaus vom Publikum nach zweieinhalb kurzweiligen Stunden.