Am 9. Januar 1956 in Würzburg geboren, hatte sie – nach 47 Jahren auf der Bühne – ihre Karriere am 20. Oktober 2023 beendet, wo sie an der Berliner Staatsoper Unter den Linden ein letztes Mal die Rolle der Klytemnästra in „Elektra“ von Richard Strauss gestaltete. Nach einem Applausjubel sondergleichen beschließt Waltraud Meier ihre Danksagung an das Publikum mit den Worten: „Ich habe musikalisch nichts mehr zu sagen. Tschüss!“. Selbstbestimmt war sie bis zuletzt, wie in ihrer ganzen, beeindruckenden Karriere.
Bereits während ihrer Schulzeit sang sie in verschiedenen Chören, entschied sich nach der Reifeprüfung zunächst aber für ein Studium der Anglistik und Romanistik, bevor sie 1976 die Entscheidung traf, gänzlich die sängerische Laufbahn einzuschlagen, und Gesang studierte. Ihr Debüt hatte sie am Würzburger Stadttheater als in „Cavalleria rusticana“. Nachdem sie sich in den darauffolgenden Jahren ein breites Repertoire als Sängerin erarbeitete, folgten Engagements in Mannheim, Dortmund, Hannover und Stuttgart. Ihr internationales Debüt gab sie 1980 als Fricka in „Die Walküre“ am Teatro Colòn in Buenos Aires. Ihr endgültiger Durchbruch folgte 1983 als Kundry in „Parsifal“ in Bayreuth. Der renommierte Musikkritiker Joachim Kaiser nannte sie einmal – 1995 in der Illustrierten „Bunte“ – die „Callas der Jetzt-Zeit“.
Klytemnästra hat sie am Ende ihrer Karriere oft gesungen, ein paar Male auch noch Herodias in Strauss‘ „Salome“: Die gequälte Neurotikerin und Mörderin Agamemnons, hinter der eine kranke Frau leidet, lag ihr mehr als die lüstern hysterische Tetrarchengemahlin. Kostelnicka in „Jenufa“, Kabanicha in „Katja Kabanova“ und Emilia Marty in „Vec Makropulos“ hätte ich mir von ihr so sehr noch gewünscht, es ist bedauerlicherweise nie dazu gekommen, vielleicht waren die Opern von Leos Janácek aber nicht das Repertoire, womit sie sich identifizieren konnte.
Identifikation mit der zu verkörpernden, zu gestaltenden, zu singenden Rolle, das war es, was diese Ausnahmesängerin im Wesentlichen ausgemacht hat – ob als Leonore in „Fidelio“ von Ludwig van Beethoven, Santuzza in „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni, Dalilah in „Samson et Dalilah“ von Camille Saint-Saens, Didon in „Les Troyens“ von Hector Berlioz, Eboli in „Don Carlo“ und Amneris in „Aida“ von Giuseppe Verdi – vor allem aber in den Partien von Richard Wagner: Venus in „Tannhäuser“, bevorzugt in der tiefer gelegenen „Pariser Fassung“, Ortrud in „Lohengrin“, „Sieglinde“ in „Die Walküre“, Isolde in „Tristan und Isolde“, Kundry in „Parsifal“. In den beiden letztgenannten Partien hat sie überall auf der Welt, um nur Bayreuth, München, Berlin und Wien zu nennen, richtungsweisende Maßstäbe gesetzt, die, wenn möglich, erreicht werden können, nur schwer zu übertreffen sein werden.
Wegbegleiter, ja Lebensmenschen, waren der große Theatermagier Patrice Chereau und der Ausnahmemusiker Daniel Barenboim: Die Arbeit mit diesen großen Künstlerpersönlichkeiten war ein immens befruchtendes, gegenseitiges Geben und Nehmen, welches für das Publikum regelmäßig wahrlich unter die Haut gehende Ergebnisse erzielt hatte, Barenboim war dabei wohl ihr engster künstlerischer Partner. Von enormer gegenseitiger künstlerischer Wertschätzung geprägt war auch ihre Zusammenarbeit mit den Regisseuren Harry Kupfer, Peter Konwitschny, Heiner Müller und Klaus Michael Grüber. Gesungen hat sie noch gerne unter den Dirigenten James Levine, Zubin Mehta und Christian Thielemann.
Waltraud Meier war gegenüber anderen Sängerinnen und Sängern, auch wenn sie immer genau wusste, was sie wollte, nicht nur eine immer hervorragende, im Umgang mit den anderen Beteiligten wertschätzende Kollegin, sondern das, was man gemeinhin schlicht eine „Jahrhundertsängerin“ nennt. Neben ihrem glühend loderndem, ungemein sinnlichem Mezzotimbre – für die Isolde hat sie sich das hochdramatische Fach im Rahmen ihrer Möglichkeiten in einfach stupender Art und Weise angeeignet – sind immer ihre hervorragende Diktion, Artikulation und Klangreichtum bei präzisester Stimmführung wie Wortdeutlichkeit zu bewundern gewesen. Dies alles gepaart mit (musikalischer) Intelligenz und Charisma hat sie zu einer Rollengestalterin und einem „Bühnentier“ sondergleichen werden lassen, was durch ihre einzigartige Ausstrahlung in Kombination mit einer gesunden Bodenständigkeit noch verstärkt wurde. Waltraud Meier kann man zwar auf Tonträgern hören, erleben musste man sie jedoch auf der Bühne, um ihre Kunst vollkommen in all‘ ihrer reichen Tiefe erfassen zu können.
Daneben war die überragende Gestalterin starker Frauencharaktere aber auch eine Sängerin für den Konzertsaal: Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann und Richard Strauss hat sie mit einer Schlichtheit gesungen, bei der auch immer die Expressivität und das Pathos der Opernsängerin mitgeschwungen ist. Ebenso hat sie Orchesterlieder von Gustav Mahler auf unnachahmliche Weise mit der immer mitschwingenden Opernstimme interpretiert, auch das Altsolo „Urlicht“ in der II. Symphonie, „Zarathustras Mitternachtslied“ in der III. Symphonie und den Altpart in „Das Lied von der Erde“; auch gerne wurde sie für die „Missa solemnis“ von Ludwig van Beethoven sowie Giuseppe Verdis „Messa da requiem“ ausgewählt.
Ohne Einschränkungen darf ich, wie viele andere Menschen meiner Generation, welche die Musik von Richard Wagner lieben, Waltraud Meier in erster Linie als „meine“ Isolde und „meine“ Kundry bezeichnen. Zum ersten Mal als Isolde durfte ich sie bei ihrem Rollendebüt an der Wiener Staatsoper erleben, im Oktober 2000, unter Semyon Bychkov, danach oft in München, vor allem aber in Berlin unter Daniel Barenboim – einmal davon, es muss in der letzten Saison der Staatsoper vor der Sanierung gewesen sein, hatte sie sich selbst und die, welche aufmerksam zuhören können, im „Liebestod“ mit der persönlichen Auflösung im Klang beschenkt, als ihre Stimme, groß ausflutend, mit Barenboims mächtig aufrauschenden Orchester eine herrliche Symbiose eingegangen war – , zum letzten Mal bei ihrem Abschied von dieser Rolle an der Bayerischen Staatsoper, im Juli 2015, unter Philippe Jordan. Bei ihrer Verkörperung der Isolde war sie nicht nur eine starke und stolze Königstochter, sondern ein verletzlicher Mensch, eine Frau voll von tiefen, widerstreitenden Gefühlen, die eine Leidenschaft zur großen, wahren Liebe verkörpert. Als Kundry habe ich sie zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper im März 1991 unter Horst Stein gehört und gesehen, dann noch oft in Wien unter anderen Dirigenten, in Berlin natürlich wieder unter Barenboim, zuletzt im März 2016, wo sie Abschied auch von dieser Partie nahm. Was diese vielschichtige und am meisten komplexe Frauengestalt Wagners betrifft, war sie wohl „die“ Verkörperung aller Nuancen wie Rollenattributen schlechthin – die Gralsbotin des ersten, die Namenlose, Urteufelin, Höllenrose, Christusverhöhnerin, Verführerin des zweiten wie die stumm dienende Büßerin des dritten Aktes. Wenn ich heute eine Aufführung von „Tristan und Isolde“ oder „Parsifal“ besuche, mögen Isolde bzw. Kundry auch noch so bewegend interpretiert werden, bleibt immer ein gewisser, unerfüllter Rest …
Waltraud Meier konnte mit ihrer einzigartigen Stimme aus Tönen Seelenporträts gestalten, damit unvergessene Frauencharaktere auf der Opernbühne erschaffen und die so geformten Figuren auch optisch über den Maßen glaubwürdig verkörpern, wobei sie auch durch ihre frauliche Attraktivität unterstützt wurde – derart wird sie immer eine der bedeutendsten Sängerinnen des späten 20. wie frühen 21. Jahrhunderts in Erinnerung darstellen.
SIMPLY CLASSIC wünscht alles Gute zum runden Geburtstag und noch viele gesunde Jahre!
Kommentare
Auch für mich war Waltraud Meier meine Isolde, Kundry und nicht zu vergessen Sieglinde. Sie haben es, wie immer, treffend zusammengefasst und auf den Punkt gebracht. Ich bin ihr oft nachgereist. Berlin München Mailand. War auch in München bei ihrer letzten Isolde, in Berlin bei ihrer Klytemnästra. Und ich hatte auch das Glück bei ihrem letzten Auftritt als Waltraute in Dresden dabei gewesen zu sein beim dortigen Ring unter Thielemann. Ich erinnere mich an eine himmlische Walküre, wenn auch nur konzertant, mit ihr und Placido in Barcelona. Und an Parsifal in Berlin, unerreicht und unvergessen ihre Irrerufe.