Abgründige Liedgestaltung – Matthias Goerne und Daniil Trifonov mit Franz Schubert im Wiener Musikverein

Matthias Goerne (rechts) und Daniil Trifonov (links) nach WINTERREISE von Franz Schubert im Musikverein am 24. November 2025 © Thomas Rauchenwald

Bariton Matthias Goerne und Pianist Daniil Trifonov als Partner nehmen das Publikum mit auf eine Reise zu den drei Liederzyklen von Franz Schubert in der Gesellschaft der Musikfreunde im Großen Musikvereinssaal in Wien. Und bei dieser gemeinsamen Gestaltung tun sich abgründig existenzielle Dimensionen auf, wenn es in jedem der drei Zyklen keinen Ausweg mehr aus menschlicher Isolation, eisiger Einsamkeit und ewig unerfüllter Sehnsucht gibt.

Den Beginn macht am ersten Abend, am 24. November 2025, die WINTERREISE D 911, Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller, wo die beiden Künstler überragend ein gemeinsames Bild von Einsamkeit und Verlorenheit erzeugen, das nur hin und wieder von Emotionsstürmen oder Hoffnungs-Irrlichtern aufgehellt wird. Hatte der Sänger früher Schubert bisweilen raunend schwer, die Vokale zu sehr gedehnt, mit zu dunkler, undifferenzierter Klangfarbe gesungen, interpretiert er heute mit großer Textverständlichkeit und vorbildlicher Artikulation. Goernes sinnlich vibrierender, nach wie vor gaumig dunkler Bariton singt nicht, ja schreit, was ihn quält, mitunter förmlich nur so heraus, gleich einer existenziellen Expression, schreckt neben lyrischen Gesangsphrasen auch vor heftiger Deklamation nicht zurück. Der Wanderer wird hier eindringlich als ein depressiver Mensch am Rande des psychischen Zerfallens gezeichnet, aufbrausend, bisweilen nahe dem Wahnsinn, hin- und hergerissen zwischen Melancholie, Aufbegehren, Zorn und Sehnsucht. Dichte, intensive, in sich stimmig ist diese Gestaltung, eindringlich, zum Bersten gespannt, in manchen Momenten beängstigend. In dieser Winterlandschaft erwartet die Seele keinen Frühling mehr, dieser Weg ins Nichts ist ein Weg in die eigenen Tiefen eines Menschen. Was Goerne an diesem Abend leistet, muss als schon einzigartig bezeichnet werden, erreicht er doch diese ungeheure Ausdrucksintensität bei der Gestaltung eines der größten Werke der Musik – die WINTERREISE stellt wohl den Olymp des Kunstliedgesanges dar – trotz einer sicht- wie hörbaren Verkühlung. Aber vielleicht hört man gerade das Abgründige dieser Lieder deshalb so besonders heraus.

DIE SCHÖNE MÜLLERIN D 795, ebenfals ein Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller, ist am zweiten Abend, am 26. November 2015, zu erleben. Hatte Goerne diesen Zyklus früher gurgelnder, bauchiger gesungen, verblüfft er heute nahezu mit bemühter Artikulation und Wortdeutlichkeit. Natürlich ist da kein heller, lyrischer Müllerbursche zu hören, und auch wenn man Tenöre gerade in diesem Zyklus bevorzugt hören möchte, überwältigt auch diese Interpretation: kein sensibler junger Mann, der an seiner Liebe zur Müllertochter zerbricht, sondern ein leidenschaftlicher, reifer Mann, erdig, melancholisch, der Depression, dem Tod nahe und folglich am Weg in die Katastrophe, begegnet uns da. Diese Interpretation wirkt ungemein dicht, ungemein intensiv: Ein Neurotiker mit beinahe schon wahnhaften Zügen, die Zerrissenheit dieses liebenden Menschen wird überdeutlich aufgezeigt. Die letzten fünf Lieder dieses Zyklus atmen bereits den kalten Todeshauch der WINTERREISE, und hier hebt Goerne seine Gestaltung auch in außerordentliche Regionen, findet gemeinsam mit Trifonov einen eigenen Kosmos. Goernes gewiss auch theatralische Interpretation erreicht gegen Schluss eine seltene Stimmschönheit, die nur mit Fritz Wunderlich vergleichbar ist. Im letzten Lied, „Des Baches Wiegenlied“, klingt das Klavier geradezu unheimlich, gesungen wird hypnotisch schön, sodass man als Hörer vermeint, förmlich zu gefrieren.

Dass nur wenige der heutigen Liedsänger über ein derartiges Niveau von Musikalität und Wahrhaftigkeit des Ausdrucks verfügen und noch dazu eine ausgesprochen schöne, virile Stimme mit sinnlichem Timbre wie Goerne haben, ist besonders in SCHWANENGESANG D 957 am 28. November 2025, der den dreiteiligen Schubert-Zyklus beschließt, zu hören, obwohl der Sänger auch an diesem Abend gesundheitlich angegriffen scheint. Zu vernehmen ist auch am dritten Abend höchst differenzierte, strukturierte, hochsensible Liedgestaltung vor allem auf der Ausdrucksebene, das Innenleben enttäuschter, verlorener Liebe freilegend. Hervorzuheben ist die große Intensität, mit welcher der Gesangs- als auch der Klavierpart behandelt werden, an Goernes Stimme bestechen die vielfältigen, vor allem dunklen Farben, ohne dass die Höhen leiden würden. Entgegen gängiger Aufführungspraxis enthält der 1. Teil – Lieder nach Texten von Ludwig Rellstab, in ihrer Stimmung an die MÜLLERIN erinnernd – auch „Herbst“ D 945, die übliche „Taubenpost“ D 965a, Schuberts letztes Lied, mit Text von Johann Gabriel Seidl, gibt’s erst als abschließende Zugabe. Im 2. Teil werden die Lieder nach Texten von Heine, stimmungsmäßig schon der WINTERREISE zuzuordnen, von den beiden Ausnahmekünstlern quasi als „schwere“ Miniaturdramen überdeutlich akzentuiert dargeboten. Erschütternd Goernes schreckensvolle, gewaltige Phonation in „Der Atlas“ und in „Der Doppelgänger“, Trifonov agiert ebenso zwingend, die Eigenständigkeit des Klaviersatzes stark betonend.

Vor SCHWANENGESANG besticht Daniil Trifonov vor der Pause noch mit der zwingenden Wiedergabe einer der schönsten Klaviersonaten von Franz Schubert überhaupt, der Sonate G-Dur D 894, ein teilweise erschütterndes Schicksalslied voller Trauer über eine desolate Seelenlandschaft. Und Trifonov verfügt über wahrlich bestechende Anschlagsnuancen, um diesen Klagegesang zum Klingen zu bringen. Die abgründige Langsamkeit von Svjatoslav Richter – zum Beispiel im Moskauer Konservatorium 1978 – beim Spiel dieser Sonate erreicht Trifonov zwar noch nicht, ist aber am besten Weg dazu; was wirklich gesangvolle Pianistik angeht, ist er dem ehernen Monolithen Richter beinahe schon ebenbürtig. Tief blickt Trifonov in die Seele Schuberts hin, erschütternd hallen manch‘ aus dem Flügel nahezu herausgemeißelte Akkorde, dann wieder unglaublich große Bewegungen voller Weichheit. Die verhangenen (Seelen)Nebel lichten sich im Trio des dritten Satzes, da vermeint man, der Himmel blitzt auf. Und das tänzerisch anmutende Finale gerät zum fulminanten, unter der Oberfläche brodelnden Kehraus.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass mit der herausragenden stimmlich-gesanglichen Seite dieser Lied-Interpretationen von Matthias Goerne der ungemein differenzierte, kraftvoll wie subtile Klavierpart von Daniil Trifonov, der sich naturgemäß nicht auf eine Begleitung reduziert, sondern ein gemeinsames Gestalten in höchstem Maße vornimmt, in nahezu kongenialem Einvernehmen steht. Pianistische Extraklasse ist da zu hören, abgesehen davon, dass der Pianist wirklich mit dem Bariton atmet, sind da wahre Wunder an Ausdruck zu vernehmen, beispielsweise wenn im abschließenden Lied der WINTERREISE, „Der Leiermann“, die Begleitung mild perlt und dabei jede Note einen eigenen Akzent verliehen bekommt. DIE SCHÖNE MÜLLERIN musiziert er viel breiter als gewohnt, um die Baritonstimme voll zur Entfaltung zu bringen. Im SCHWANENGESANG macht die hohe Nuanciertheit seines Klavierspiels Staunen. Diese komplexen Zyklen, vom Charakter her alle drei am Ende aussichtslos, verlangen nach einem „Mitsänger“: Trifonov am Steinway verfügt über die Fähigkeit, vollkommen mit dem Flügel zu singen, die nur Ausnahmepianisten zu eigen ist. Dem tiefen Ausnahmerang dieser Interpretationen im Musikverein wohnt zugleich etwas Zauberhaftes inne. Singstimme und Klavier klingen, ergänzen und vervollständigen einander bei Schuberts unendlichen Seelenlandschaften, als ob die beiden ein Instrument, oder anders, eine Stimme wären.

Trotz aller Widrigkeiten kippt Schuberts Musik nie in eine destruktive Form. Es überlebt immer die Hoffnung, wenn auch nur als kleines Licht am Horizont. Aber diese Aussicht auf Erlösung ist immer dar. Das berührt mich tief und entspricht mir auch sehr.“, wie Matthias Goerne, heute einer der Liedsänger ersten Ranges vor den Konzerten in Wien bekennt. Diese „Unbedingtheit, positiv zu bleiben“ (Goerne) hat er in dieser Woche trotz Widrigkeiten dem Publikum im Musikverein höchst bewegend vermitteln können.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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