In den Konzerten der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gastiert das Tonhalle-Orchester Zürich unter seinem Chefdirigenten Paavo Järvi und stehen im ersten von zwei Konzerten im Großen Musikvereinssaal am 21. November 2025 Kompositionen von Robert Schumann und Gustav Mahler auf dem Programm.
Das Hauptwerk des Abends, die Symphonie Nr. 1 D-Dur von Gustav Mahler, hört man oft im Konzert, selten allerdings derart interpretiert. Paavo Järvi strebt nach orchestraler Perfektion, was im ersten Satz noch nicht wirklich gelingt, zu viele falsche Töne im Blech schleichen sich da ein. Kontrapunktische Klarheit dominiert in dieser Lesart, allerdings auf Kosten der starken Emotionalität dieser Musik.
Im ersten Satz gerät der geheimnisvolle Beginn überaus stark, auch der grell strahlende Ausklang, wo das Orchester langsam zu seiner Form findet; die pastorale Grundstimmung einer unbeschwerten Frühlingswelt – das Hauptthema ist dem ersten Lied aus Mahlers eigenen „Liedern eines fahrenden Gesellen“ entnommen – des Satzes mag sich jedoch nicht so recht einstellen.
Orchestrale Klarheit dominiert im zweiten Satz, der Musik erwächst hier eine besondere Spannung wie Zwiespältigkeit: Kindliche Freude und aufgeputschter Überschwang werden von Järvi besonders deutlich herausgearbeitet.
Den Beginn der Trauermarsch-Persiflage im dritten Satz lassen manche Dirigenten mittlerweile von allen Kontrabässen spielen, bei Järvi spielt der Solobass allein, wie von Mahler notiert, das Solo klingt abgründig fein. Die quälende Stimmung des dritten Satzes überhaupt wird sehr gut eingefangen. Betont die Klezmer-Einlage, und für die Erhellung, wo Mahler erneut aus dem oben bezeichneten Liederzyklus zitiert, nimmt sich der Dirigent viel Zeit, womit er eine bewegende Wirkung erzielt.
Überschwänglich gesteigert, zwingend gestaltet, dann das Finale. Das Orchester hat mittlerweile Topform erreicht, die leidenschaftliche Entwicklung bleibt aber immer kontrollierter Ekstase, gedämpfter Wildheit vorbehalten, zwischendurch hört man wirklich berührende Passagen, der virtuose Höhepunkt am Schluss hätte noch ein wenig mehr an Wucht vertragen. Langer Publikumsjubel am Schluss für eine höchst interessante, ungemein spannende Interpretation eines sehr beliebten Werkes.
Im ersten Teil des Konzertes begeistert Sol Gabetta auf einem wunderbaren italienischen Instrument aus dem frühen 18. Jahrhundert bei vollendetem Bogenstrich mit einer berührenden Wiedergabe des Konzertes für Violoncello und Orchester a-moll op. 129 von Robert Schumann. In diesem Werk besitzt das Orchester keine begleitende Funktion, sondern ist ein gleichwertiger Partner der Solistin. Bei Konzertieren im wahrsten Sinn des Wortes gelingt eine überragende, den hochromantischen Charakter des Werkes unterstreichende Interpretation. Als Zugabe gibt’s die sehr schöne Nr. 2 – Langsam – aus „Fünf Stücke im Volkston“ op. 102 für Violoncello und Klavier von Robert Schumann in einer von der Solistin erstellten Fassung für Violoncello und Celloensemble.