Gustav Mahlers „Lied der Nacht“ unter Ivàn Fischer in Grafenegg

A Grafenegg

Das Grafenegg Festival unter der künstlerischen Leitung von Rudolf Buchbinder wartet auch heuer wieder mit einer eindrucksvollen Reihe renommierter internationaler Orchester auf. Bereits zum zweiten Mal in diesem Sommer ist am 31. August 2023 im Wolkenturm der ungarische Dirigent Ivàn Fischer am Pult zu erleben – dieses Mal mit dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam mit seinem unvergleichlichen, weil homogenen, transparenten, samtenen Klang.

In einer anderen Welt als der pessimistisch tieftragischen VI. Symphonie bewegt sich Gustav Mahler in der im Sommer 1905 in Maiernigg am Wörthersee fertiggestellten und am 19. September 1908 in Prag uraufgeführten VII. Symphonie e-Moll, worin realistische und romantische Vorstellungen eine seltsame Verbindung eingehen. Der Beiname „Lied der Nacht“ stammt nicht von Mahler, der in dieser Symphonie, vor allem mit dem strahlenden, Unbehagen verbreitenden C-Dur Finale am Rande des Abgrundes, angesichts des Todes das Leben in vollen Zügen zu genießen scheint. Doch erweist sich dieser Genuss als trügerisch und setzt das Orchester aus Amsterdam, das über eine große Mahlertradition verfügt, mit seinem seit 2021 amtierenden Ehrengastdirigenten das Werk sehr zwingend um. Fischer schafft es, das vertrackte Werk mit seinen technisch tückischen Übergängen ungemein spontan klingen zu lassen. Die Tempi sind moderat, organisch, weder verhetzt noch schleppend, die Instrumentalisten aus Amsterdam, vor allem das Solohorn und das Tenorhorn, eine Klasse für sich, wunderbar auch die schimmernden Violinen und die fein verhangenen Celli. Trotz aller Details, die Fischer akribisch herausarbeitet, verliert er nie den Blick auf das Ganze, selten hört man das Werk derart unprätentiös kompakt, weshalb der Jubel des Publikums für die Gäste aus Amsterdam am Schluss des milden Sommerabends nachvollziehbar ist.

Vor der Pause sang Michael Nagy sehr präsent Auszüge aus dem Liederzyklus „Das heiße Herz“ für Bariton und Orchester von Jörg Widmann, der die Stimme in bisweilen ganz hohe wie tiefe Regionen führt. Besonders unterstreicht der Sänger die bitter-ironischen Töne und auch hier beeindruckt die feine Orchesterleistung. Der Herzschmerz der Lieder, vertonte „Wunderhorn“-Texte wirkt jedoch etwas platt und reicht an Mahlers Vertonungen bei weitem nicht heran.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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